„Der beste Job, den unser Metier zu bieten hat“

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Als Freier im Ausland arbeiten: Drei erfahrene Auslandsreporter erklärten, wie das gelingt – ohne dabei pleite zu gehen

Abenteuerliche Überlandfahrten auf der Jagd nach der Geschichte ihres Lebens. Schreibblockaden in Rio de Janeiro. Malaria, Misere und Malochen im Dschungel – von alledem war im Forum “Frei arbeiten im Ausland“ nicht die Rede. Praktische Fragen zum Aufbau eines Abnehmerpools,  dem kollegialen Umgang mit festangestellten Korrespondenten vor Ort oder nach der richtigen Versicherung standen im Vordergrund. “Die Arbeit als Auslandskorrespondent ist der beste Job, den dieses Metier zu bieten hat“, sagte Klaus Ehringfeld. Seit über zehn Jahren lebt er als freier Journalist in Lateinamerika und – vorausgesetzt, dass die Aufträge weiter genügend einbringen – hat er “nicht vor, zurückzukommen.“ Angefixt, losgefahren, geblieben und – Ehringfeld, kann seine Jahre im Ausland bald nicht mehr an zwei Händen abzählen – “verbuscht“: Die Laufbahn eines Auslandskorrespondenten – kurz gefasst.

Praktischer Rat zum Geld verdienen

Variationen dieses Schemas gibt es freilich. Marc Engelhardt wechselte nach jahrelanger Arbeit in Nairobi den Kontinent, er berichtet heute aus Genf. Nur Frauke Niemeyer kehrte als einzige der Runde nach einem Jahr in Rio de Janeiro zurück nach Deutschland. Im Ausland vom Schreiben und Filmen leben? Es geht, so lässt sich wohl der kleinste gemeinsame Nenner unterschiedlicher Erfahrungen zusammenfassen.

Frauke Niemeyer rät, schon vor der Abreise mit dem Aufbau eines Abnehmer-Pools zu beginnen. Rumtelefonieren, Mails schreiben, den eigenen Namen verbreiten. Das kann unangenehm sein, aber ein paar Monate später sei es dann viel leichter, die erste konkrete Geschichte zu verkaufen, so ihr Rückblick aus Brasilien. Ehringfeld fügt hinzu: “Ich rate jedem, mindestens eine österreichische und schweizerische Zeitung im Pool zu haben. Die zahlen großzügiger als die deutschen Zeitungen und begegnen unserer Arbeit wertschätzender.“

Netzwerken und die richtige Weltregion wählen

Ehringfeld und Engelhardt sind sich einig: In Regionen wie Lateinamerika oder Ostafrika – wo relativ wenige feste Korrespondenten arbeiten, verglichen mit dem Korrespondenten-Rummel in Washington oder New York – haben Freie es einfacher. Außerdem raten sie zur Vernetzung, etwa bei den Weltreportern. “Manchmal ist es einfach wichtig, seinen Ärger über diese oder jene Zeitung in den virtuellen Redaktionsraum zu rufen“, sagt Engelhardt. Das Netzwerk hilft auch bei ganz praktischen Problemen: “Viele Kollegen melden sich ab, wenn sie auf längere Reisen aufbrechen. Wenn wir wissen, diese Frau ist für zwei Wochen im Sudan und nach zwei Wochen hören wir nichts von ihr, dann haken wir nach. Das sei extrem wichtig, weil sich dazu in Deutschland oft niemand verpflichtet fühlt.“

Reisekosten tragen viele Reporter selbst

Mit Reise- und Bürokosten haben die Reporter unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Marc Engelhardt sagt, es sei ihm “kaum gelungen“, Reisekosten auf dem afrikanischen Kontinent von seinen Kunden einzufordern. Klaus Ehringfeld hingegen weigert sich, seine Reisekosten mit den ohnehin geringen Honorare zu bezahlen. Er fordert von seinen Abnehmer-Medien finanzielle Unterstützung für Recherchereisen, die er meist bekommt. Generell beobachtet allerdings auch er eine zunehmende Diskrepanz zwischen der hohen Erwartungshaltung von Redakteuren an seine Arbeit und deren Bereitschaft, diese Arbeit zu bezahlen. Oft lande das Geld für abgeschlossene Aufträge nicht pünktlich auf dem Konto, so Frauke Niemeyer, “deshalb ist Erspartes wichtig.“

Den Traum verwirklichen

Fazit: Ein Job im Ausland erfordert mehr Leidenschaft als die Tätigkeit als freier Journalist in Deutschland. “Die Hürde ist, ob man die vielfältigen Herausforderungen auf allen Ebenen bewältigen kann. Du brauchst eine extrem hohe Frustrationstoleranz und die Bereitschaft, auch nach der vierten oder fünften abgelehnten Geschichte weiterzumachen“, resümiert Klaus Ehringfeld. Zudem raten alle drei Reporter: Länger bleiben als nur ein oder zwei Jahre. “Zunächst ist man immer noch Lernender. Ich habe damals in Nairobi das erste Jahr dafür gebraucht, eine vernünftige Internetverbindung zu installieren. Bis man sich eine umfangreiche Expertise in der Region aufgebaut hat, dauert es Jahre.“ Trotz aller Mühen: Abraten würde in diesem Konferenzraum wohl keiner, den Traum vom Dasein als Freier im Ausland zu leben. “Am besten mit einem Stipendium“, sagt Frauke Niemeyer – fügt jedoch hinzu: “Und wenn ihr keins bekommt, dann macht es ohne!“

 

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.