„Dieses verdammte Ding!“

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Anja Reschke, Georg Mascolo, Sabine Kartte und Thomas Sattelberger diskutierten über den „Aufstand der Frauen“– Eva Maria Schnurr moderierte das Podium „ Quote gegen Machos

Im Februar diesen Jahres hatten sie die Nase voll: 350 Journalistinnen forderten eine Frauenquote von 30 Prozent in den Führungspositionen der Redaktionen. Schluss mit vagen Selbstverpflichtungen, und Versprechungen, her mit der Quote.
Die großen Linien der Quoten-Diskussion zeigen sich auch in der kleinen Runde. Da sind die Befürworter, wie Sabine Kartte, selbst geschäftsführende Redakteurin beim Stern, die beklagt: „Es ist ja beinahe unangenehm, dass man 2012 noch so eine Diskussion führen muss, aber: meine Kollegen sind fast alle Männer!“. Dabei seien sich Wissenschaftler einig: Reine Frauen- oder Männergruppen funktionieren ganz gut – gemischte Gruppen aber besser. Dann holt sie tief Luft: „Ohne dieses verdammte Ding geht es anscheinend nicht!“

Die Quote müsse endlich her, fordert auch Anja Reschke von Panorama: „Alle sind dafür, aber es tut sich nichts! Es kann nur an den Männern liegen, die die Schlüsselpositionen besetzt halten.“ Georg Mascolo sieht das anders. „Alles, was auf Freiwilligkeit basiert, ist besser als jeder Zwang.“ Zum einen gäbe es bereits sehr viele hervorragende Journalistinnen, zudem sei auch der Nachwuchs zunehmend weiblich. Insofern längst kein Grund mehr für eine männliche Dominanz in den Redaktionen. Für den Spiegel sei eine starre Quote aber keine Option: „Wir sind nicht zuletzt ein eher mittelständisches Unternehmen mit nur geringer Fluktuation. Zu sagen in fünf Jahren haben wir so und so viel Prozent an Frauen in den Chefetagen, das bringt uns nichts.“ Er setze vielmehr auf andere Maßnahmen wie regelmäßige Mitarbeitergespräche. Ziel sei definitiv, mehr Frauen auf allen Ebenen in die leitenden Positionen zu bekommen.

Überrascht von der Situation im Journalismus zeigt sich Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Deutschen Telekom: „Dass im Journalismus, der doch ein Spiegelbild der Gesellschaft sein soll, nur zwei Prozent der Chefredakteure weiblich sind, hat mich schockiert.“ Bereits seit 15 Jahren hat er sich das Thema zu eigen gemacht. Dabei zeige sich immer wieder: Veränderungen im System verpuffen so gut wie nutzlos, nur Veränderungen am System zeigen Wirkung: „Man muss eine kritische Masse an Frauen überschreiten, sonst kehrt das System einfach wieder wie ein Wackelpudding in die Ausgangssituation zurück.“

Befristete Führungspositionen könnten ebenso helfen, mehr Frauen zu fördern. „Leider besteht ein Hang, an der einmal erreichten Position kleben zu bleiben. Dabei wäre es doch oft gerade interessant, nach mehreren Jahren als Ressortleiter auch wieder das Ressort zu wechseln oder selbst wieder mehr zu schreiben“, erklärt Sabine Kartte. Job Sharing oder Teilzeit-Führungsstellen sind weitere Stichworte. Oder sind die Frauen am Ende doch selbst schuld? Unterschätzen ihre Fähigkeiten, halten sich eher zurück, und warten darauf angesprochen zu werden? Kein Argument – findet Thomas Sattelberger: „Wir erwarten nicht, dass sich Frauen wie Männer verhalten – und akzeptieren das.“Aber: Auch die Frauen müssen sich ändern. Sich selbst mehr zutrauen und ihre Karriere aktiv vorantreiben.

Egal ob über Quote oder freiwillige Lösungen, in einem waren sich dann doch alle einig: Auch der Journalismus kann es sich nicht mehr leisten, auf die Frauen zu verzichten – und wenn man ihn mit der Quote zu seinem Glück zwingen muss.

Lisa Wolf/KU Eichstätt [Text aus „nestbeschmutzer“ 1/2012]

 

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.