Der Aufschneider

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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„Wie kommt man auf die Idee, einen Schönheitschirurgen zu entzaubern?“, fragt Grit Fischer in die Runde des Erzählcafés. Neben ihr sitzt Spiegel-Redakteur Markus Grill.  “Auf die Idee kommt man, wenn man ihn in Talkshows sieht, von ihm in Yellow-Press-Fachzeitschriften liest“, beginnt er. Aufgeblasen von den Medien. Doch spätestens dann, wenn man höre, dass Medizinstudenten so werden wollen wie er. Wie jemand, der Krankenakten fälscht, Ärzte ohne Approbation operieren lässt, Patienten betrügt und unwirsch abfertigt und sie dafür tausende Euro bezahlen lässt. Aber das wusste niemand. Grill hatte ihn auf dem Radar: der positiven Berichterstattung muss ein Ende gesetzt werden – “Schönheitspapst“ Werner Mang muss die Hüllen fallen lassen, ob er will oder nicht.

Ein glücklicher Zufall gewährte Grill ein Blick in interne Berichte aus der kleinen Klinik am Bodensee. Mails, Briefe und Patientenakten machten ihn aufmerksam auf die “unmöglichen Zustände“. Der Größenwahn des Chirurgen, der mit gerade mal drei weiteren Ärzten in der Klinik tausende Patienten behandelt, steige ins Unermessliche. Die Wände der Klinik sind gepflastert mit Fotos, auf denen Mang mit berühmten Schauspieler zu sehen ist. Doch “es sind ganz normale Leute, die Jahre lang sparen, um sich von Mang operieren zu lassen.“  Sie halten den Chirurgen für “den Größte, den Besten“ und vertrauen sich ihm an.

Mit den Patientenakten begann Grills Recherche. Der schwierigste Schritt sei gewesen, die Patienten davon zu überzeugen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. “Ich konnte ja nicht einfach anrufen und sagen: Hallo, Grill hier vom Spiegel, wir haben Ihre Krankenakte.“ Nach zwei erfolglosen Anrufen änderte er seine Methode und schrieb Briefe. Das gab ihnen Zeit darüber nachzudenken. Über 50 Prozent der Patienten waren gewillt sich mit ihm zu treffen und über die “schäbige Behandlung“ in der Klinik zu berichten. Anders als in “Hochglanzblättern“ gingen die Menschen nicht mit ihren Schönheitswünschen hausieren. Eine Frau entschied sich für ein Faltenlifting, bezahlte über 10.000 Euro dafür. Nach der Operation sah sie genauso aus wie vorher und beschwerte sich schriftlich. Mang sicherte ihr eine kostenlose Unterspritzung zu und verlangte nach der Operation wiederum 3000 Euro. Selbst ihren Kindern gegenüber erwähnte sie nichts. Auch sie sei, laut Grill, auf das Medienphänomen hereingefallen: Statt sich in Fachbüchern über geeignete Schönheitschirurgen zu informieren, ließ sie sich beeindrucken vom Auftritt Mangs im Fernsehen. Im Nachhinein fühlt sich die Patientin getäuscht.

Genau da setzte Grill an: Er wollte eine fundierte kritische Geschichte über Mang schreiben. Das musste er den Patienten erst klar machen. Für sie sei es völlig neu gewesen, zu hören, nicht das einzige Opfer zu sein. Der Effekt sei noch viel größer nach der Veröffentlichung gewesen: “Selten habe ich so viele bestätigende Anrufe und Briefe erhalten.“ Grill wollte den Patienten und den “echten Schönheitschirurgen“ in der Fachgesellschaft die Hemmung nehmen sich kritisch zu äußern.

Mang reagierte aggressiv, als er von Grills Recherche erfuhr. In einer Strafanzeige warf er ihm vor, der Klinik die Unterlagen entwendet zu haben. Erfolglos. Auf Grills freundliche Anfrage hin für ein Gespräch schaltete er zwei Strafrechtler ein, und seine Anwälte schrieben “scharfe Briefe“ an die Redaktion. Die Redaktion müsse für den gesamten wirtschaftlichen Schaden aufkommen. Grill rechnete nach der Veröffentlichung des enthüllenden Artikels mit “massiven Konfrontationen und Gegendarstellungsansprüchen.“ Nichts dergleichen kam.

Drei Monate später leitete die Staatsanwaltschaft gegen Mang ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zur Körperverletzung ein. “Auf einmal haben sie alle darüber berichtet.“ Anscheinend sei erst eine offizielle Ermittlung in Deutschland der Ritterschlag für investigative Recherchen.

Geändert hat sich trotzdem nichts: Medienwirksam ließ sich Mang von zwei Journalisten nach Nepal begleiten, wo er ein Waisenkind kostenlos an der Nase operierte. Das Waisenhaus hat ihm danach Hausverbot erteilt – offenbar hat er das Kind ohne eine Einverständniserklärung operiert.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.