Die dunkle Seite der schönsten Sache der Welt

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Kritische Fragen unerwünscht PodiumKorruption, Intransparenz und ein  schier allmächtiger Präsident, der in  den vergangenen Jahrzehnten einen engen Kreis von Verbündenden um sich  geschart hat – das sind die dunklen  Seiten des Weltfußballverbands Fifa.  Gestern wurde er mit von Netzwerk Recherche  der „Verschlossenen Auster“  ausgezeichnet. Bei der anschließenden  Podiumsdiskussion „Kritische Fragen  unerwünscht. Recherchefreie Zonen  im Sport“ bekamen aber auch die  (Sport-)Journalisten einen Rüffel: Sie  setzten sich viel zu wenig mit den Machenschaften  des Verbands und seines  Präsidenten auseinander.

Dieser Meinung war zumindest Uli  Hoeneß. „Von kritischem Journalismus  kann keine Rede sein. Und das bei einem  Thema, das ganz off ensichtlich  ist.“ Seine Watschen verteilte der Präsident  des FC Bayern München erst am  Ende der einstündigen Diskussion, die  sich vor allem um eine Person drehte:  Joseph Blatter. Der sei nicht nur seit  mehr als vier Jahrzehnten Mitglied des  Weltfußballverbandes, sagte Thomas  Kistner von der Süddeutschen Zeitung.  „Seit mehr als 30 Jahren hat er dort  auch das Sagen.“ Schon zu Zeiten als  Generalsekretär habe Blatter damit begonnen,  ein System aufzubauen, das  er mittlerweile perfektioniert habe.  Alle Fäden liefen bei ihm zusammen,  meint der Autor des jüngst erschienen  Buches „Fifa-Mafi a“: „Alle Kontakte,  alle Entscheidungen und alle Informationen  laufen nur über ihn.“

Blatters 23 Vorstandsmitglieder müssen  ihm – wenn man den Diskussionsbeiträgen  glauben darf – geradezu hörig  sein: Wer dem Präsidenten zu nahe  komme oder es gar wage, bei einer  Wahl gegen ihn zu kandidieren, werde  abserviert. „Blatter hat in den letzten  zehn bis 15 Jahren einen geschlossen  Kreis um sich aufgebaut“, sagte  Hoeneß. Die Vorstandsmitglieder seien  nur dazu da, „seine Meinung zu repräsentieren“  und „ihm zu dienen“. Selbst  der ehemalige Präsident des Deutschen  Fußballbundes, Theo Zwanziger,  könne als Mitglied des Exekutiv-Komitees  nichts an diesen Strukturen verändern.  „Zwanziger hat keine Chance. Er  ist einer von vielen“, nahm ihn Hoeneß  in Schutz.

Kurz und überspitzt gesagt: Blatter ist  die Fifa. Er ist der Kopf einer Organisation,  die Milliardenumsätze macht und  dennoch in der Schweiz noch immer  den Status eines gemeinnützigen Vereins  genießt. Laut Roland Rino Büchel,  Schweizer Nationalrat und Laudator  bei der Verleihung der „Verschlossenen  Auster“ habe die Lobbyarbeit der Fifa  so sehr zugenommen, dass es durchaus  gefährlich sei und seinem Land  schaden könne. „Wir müssen das nicht  akzeptieren. Wir müssen das ändern“,  sagte der ehemalige Fifa-Marketing-  Manager, der 2002 seinen Job verloren  hatte. Damals ging die Agentur pleite,  die für die Vermarktung des Fußballs  zuständig war.

Heute obliegt diese, natürlich, ganz  allein Josef Blatter und seinem 23-köpfi  gen Vorstand. Sie allein entscheiden  auch, in welchem Land die Fußballweltmeisterschaften  stattfi nden. Das  sei im Vergleich zu den 110 Mitgliedern  des Internationalen Olympischen Komitees  nicht nur eine „sehr überschaubare  Zahl“, meinte Kistner. Auch die  Vergabekriterien seien seiner Meinung  nach völlig intransparent: „Es gibt für  die Bewerbung keine klare Regeln.“

Apropos Transparenz: Auch wie viel  Geld der eingetragene Verein durch die  Vergabe erwirtschaftet, wie viel Gehalt  er an seine rund 400 Mitarbeiter  und vor allem an seine Führungsriege  zahlt, ist nicht bekannt. Ein Punkt, den  alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion  kritisierten. Der Fifa fehle eine Kontrollinstanz,  sagte Kistner. Und die Ethikkommission,  die die Fifa reformieren will, ist laut Büchel „nichts wert“.

Hoeneß forderte einen „schnellen  Schnitt, damit da Transpanrenz rein  kommt“. Und: „Spätestens zur nächsten  Wahl müssen neue Strukturen her.“  Wer diese erzwingen soll, ist für den  Bayern-Präsidenten klar: die europäischen  Fußballverbände – vor allem aus  Deutschland, England und Frankreich.  Denn diese hätten ein ungeheures  Druckmittel: „80 Prozent des Geldes  kommt aus Europa.“

Für Blatter und seine Fifa könnte es sicherlich  schwieriger werden, ihre Machenschaften  so still und heimlich fortzusetzen  wie in den vergangen Jahren.  Vor zehn Jahren habe sein Buch über  die Fifa noch niemanden interessiert,  sagte Kistner. Inzwischen sei das anders  – vor allem seit der Weltfußballverband  unter dubiosen Umständen  die Weltmeisterschaften 2018 nach  Russland und 2022 nach Katar vergeben  habe. „Die Leute wollen heute wissen,  wie so etwas zustande kommen  kann.“

Text: Melanie Öhlenbach, Volontärin  beim Weser-Kurier, Bremen [aus "Nestbeschmutzer" 1/2012]

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.