Die Enthüller – Wie gut ist der investigative Journalismus in Deutschland

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Spiegel-Redakteur Jörg Schmitt stellt gleich zu Beginn der Diskussionsrunde einmal klar: „Vieles wird unter dem Label des investigativen Journalismus verkauft, hat aber im Endeffekt wenig damit zu tun.“ Wichtigste Bedingungen in jedem Fall: Neue, eigene Wege zu gehen und gegen Widerstände anzugehen. „Ein investigativer Journalist muss eine eigene Hypothese aufstellen, diese überprüfen und aufbohren. Erst dann fängt der investigative Journalismus an“, sagte Schmitt in der Diskussionsrunde.

Moderator Markus Grill wollte dann auch mal wissen, wie denn genau die Unterschiede beim investigativen Journalismus im Vergleich zur USA und der Schweiz aussehen. Beat Balzli antwortete prompt: „In der Schweiz herrscht im Gegensatz zu Deutschland keine Konflikt-, sondern eine Konsenskultur.“ Soll heißen: Geschichten, die „bad feelings“ produzieren sind unerwünscht und fallen weg. „Außerdem sieht man sich in der Schweiz nicht zwei, oder vier, sondern tausend Mal.“

David Crawford vom Wall Street Journal betonte zwei grundlegende Punkte im Vergleich zu den USA: Dort haben die Tageszeitungen deutlich höhere Auflagen und damit mehr Möglichkeiten und Geld, um aufwendige Recherchen finanzieren und durchführen zu können. Hinzu käme die unterschiedliche Gesetzeslage. „Klagen, um Artikel zu unterdrücken, finden hauptsächlich in Deutschland statt“, sagte der Finanzexperte, der häufig in Kauf nimmt, vor Gericht gezerrt zu werden: „Ich habe immer irgendwo eine Klage oder ein Strafverfahren“. Das sei ein wichtiger Punkt, warum deutsche Medien bedeutend vorsichtiger seien, als US-amerikanische. Sein Fazit: Wenn in Deutschland mit einer Klage zu rechnen sei, würde lieber auf eine Geschichte ganz verzichtet. Auf die Frage, ob der investigative Journalismus besser geworden sei, macht Jörg Schmitt zudem auf den Mangel an jungen Nachwuchsreportern aufmerksam, die harte Geschichten anpacken wollen. Die Angst vor den „hard Facts“ oder einer Klage schrecke viele junge Journalisten ab.

Ein weiteres Problem, dem sich viele Journalisten ausgeliefert sehen: Im Redaktionsalltag bleibt wenig Zeit für aufwendige Kleinarbeit. Daher bleiben richtige Enthüllungsgeschichten eher eine Seltenheit. Crawfords Lösung: „Investigative Geschichten mache ich in meiner Freizeit.“ So betonte er, dass er „fast jede Geschichte“, auf die er stolz sei, in seiner Freizeit gemacht habe. Eine strittige Einstellung, die auch aus dem Publikum kaum Unterstützung fand.

Aber die Tatsache, dass viele deutsche Zeitungen in den letzten Jahren investigative Ressorts geschaffen haben, um den investigativen Journalismus in Deutschland zu fördern und zu fordern, lasse auf jeden Fall hoffen.

[Text aus  Jk-Tagungszeitung „nestbeschmutzer“ 1/2012]

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.