Die wahren Profiteure der Finanzkrise

Freitag, 1. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Nur in einem Punkt waren sich alle Teilnehmer dieser Diskussion einig: Über die reichen Deutschen wird zu wenig berichtet und geforscht. Freiwillig präsentieren sich nur die wenigsten Reichen in der Öffentlichkeit und oft sind es dann die schrillen Neureichen.

Doch über die meisten wirklich Reichen – oft Erben von großen Vermögen – wissen wir sehr wenig. „Viele Reiche sind extrem scheu. Sie empfinden es als unangenehm in der Öffentlichkeit zu stehen, auch weil sie dann stärker im Visier ihrer Kritiker stehen“, sagt Elitenforscher Michael Hartmann. Und so ging es in dieser Diskussion viel darum, welche Eigenschaften die reichen Deutschen auszeichnen, welche materiellen und moralischen Werte sie haben und wie Journalisten sich ihnen annähern können.

Zunächst stellt sich da die Frage: Wann ist eine Person reich? Wie viel Geld muss sie besitzen, um zur zurückgezogenen Oberschicht zu gehören? Stern-Journalist Walter Wüllenweber liefert dem Publikum eine Definition: „Eine Person ist dann reich, wenn sie alle ihre Bedürfnisse gedeckt hat und immer noch eine Million Dollar besitzt, die sie investieren kann. Dazu zählen etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung.“

Doch die deutsche Oberschicht stellt ihr Vermögen bekanntlich ungern zur Schau, Journalisten sind in ihren Kreisen selten willkommen. Christian Rickens von Spiegel Online hat für sein Buch über Millionäre, einige Superreiche befragt – über gemeinsame Interessen wie Segeln konnte er sich ihnen annähern und ihr Vertrauen gewinnen. Er erkannte, dass Deutschlands Reiche drei Eigenschaften teilen: Risikofreude, Extrovertiertheit bzw. Geselligkeit und eine höhere Konfliktbereitschaft. Auch Eliteforscher Hartmann weiß, dass Reiche sich mit ihrem Verhalten von niedrigeren Schichten abgrenzen: „Menschen, die viel Geld und damit viele Möglichkeiten haben, strahlen eine ganz andere Selbstverständlichkeit aus, als Menschen, die weniger Geld haben und zu den Reichen aufblicken.“

Finanzinvestor Lars Windhorst, der als deutsches Wunderkind bekannt wurde und trotz seiner Firmenpleite wieder zu viel Geld gekommen ist, strahlt diese Selbstverständlichkeit aus. Er ist der Meinung, dass viele Journalisten die eigentlichen Interessen und Beweggründe der Reichen verkennen: „Vielen Reichen geht’s um die Substanz, also darum, wie man langfristig erfolgreich sein kann und ein Unternehmen gewinnbringend führt. Das Auto oder die Mitgliedschaft in einem Golfclub sind dabei nur oberflächliche Randerscheinungen, um die ich mir zumindest kaum Gedanken machen kann“, erklärt er dem Publikum. Doch Lars Windhorst ist in den Augen der anderen Diskussionsteilnehmer eine Ausnahme, weil er durch seine eigene Leistung und nicht durch ein vererbtes Vermögen aufgestiegen ist. Interessant für Journalisten sind häufig die, die ohne eigene Arbeit zu Geld gekommen sind. „Die Reichen sind in Deutschland nicht gleichzusetzen mit der Leistungselite, weil sie oft nichts geleistet haben, um reich zu werden“, merkt Wüllenweber an. Mittlerweile gehört dem reichsten Zehntel der Gesellschaft 66 Prozent des gesamten Vermögens in Deutschland, viele davon sind Erben, die Unternehmen weiterführen und das geerbte Vermögen verwalten.

Unbeobachtet von den Medien üben sie mit ihrem Reichtum eine enorme wirtschaftliche und politische Macht aus. Ein Zustand der aus Sicher der Diskussionsteilnehmer nicht weiter bestehen sollte.

In der Fragerunde kurz vor Schluss, zeigten sich einige Zuhörer enttäuscht. Für sie lag der Fokus zu sehr auf den oberflächlichen Eigenschaften der Reichen und zu wenig auf Themen wie die ungerechte Verteilung des Geldes oder überhöhte Gehälter in Deutschland.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.