Die Warentester: Produkt-PR ausgeschlossen?!

Freitag, 1. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Kräuterbutter ist eigentlich meist Margarine und grünes Pesto eher ein Mix aus Schmelzkäse, modifizierter Stärke und Farbstoffen. Das haben Warentester aufgedeckt. Mit dieser Erkenntnis eröffnete Holger Ohmstedt von der Wirtschaftsredaktion des NDR die Podiumsdiskussion „Die Warentester – Unabhängige Recherche statt Produkt-PR“. Seine drei Diskutanten – Anita Stocker, Chefredakteurin test, Detlef Flintz, WDR markt und Jürgen Stellpflug, Chefredakteur Öko-Test – fragte er: „Wollen Warentester die Welt ein Stückchen besser machen?“

Anita Stocker fand es etwas vermessen, von sich zu behaupten, die Welt zu verbessern. Sie wolle lediglich den Menschen helfen, Produkte besser einzuordnen. Jürgen Stellpflug hingegen antwortete mit einem eindeutigen „Ja!” Man müsse sich nur die Nachwirkungen anschauen. Wenn Öko-Test feststelle, dass ein Kinderspielzeug krebserregende Stoffe beinhaltet, verbessere der Hersteller das Produkt. Natürlich sei solch ein Ergebnis ein Schaden für die Firma. Allerdings nütze es denen, die gute Spielzeuge produzieren. Am Ende werde mehr hochwertiges Spielzeug gekauft, meint Stellpflug.

Die Diskutanten widmeten sich auch der Frage, wie in den Redaktionen mit Beschwerden umgegangen wird. Stellpflug merkte an, dass Öko-Test pro Heft etwa ein bis zwei Prozesse führen muss, obwohl jeder Anbieter alle Messergebnisse einen Monat vor Druck mitgeteilt bekommt. Vor allem die Tatsache, dass immer mehr Mitarbeiter persönlich verklagt werden würden, zehre an den Nerven. Einzelne Mitarbeiter hätten aus diesem Grund sogar die Zeitschrift verlassen.

Auch die Zeitschrift „test“ hat jährlich ungefähr zehn Rechtsstreitigkeiten abzuarbeiten. Darüber hinaus gingen deutlich mehr Anrufe und Schreiben ein, berichtete Anita Stocker. Generell sei es so, dass die Beschwerden sich nie gegen Tabellen richteten, sondern gegen Worte und Satzteile. Somit liege es in der Natur der Sache, dass die Redakteure unglaublich vorsichtig formulierten. Jeder sei sich bewusst, was für immense Auswirkungen die Ergebnisse auf die Firmen habe.

Doch inwieweit haben die Tests wirklich Auswirkungen auf die Verbraucher? „Prinzipiell sind die Käufer natürlich dagegen, wenn für die Herstellung von Lippenstiften Tierversuche gemacht werden. Am Ende zählt dann aber doch die Farbe. So denken schätzungsweise 95 Prozent der Verbraucher“, so Stellpflug. Dies sei auch einer der Kritikpunkte an der Arbeit von Warentestern. Doch deren Aufgabe sei es zu zeigen: Schaut her, Leser, das Produkt ist vielleicht in Ordnung, aber die Welt nicht!

Detlef Flintz betonte, es sei wichtig, darüber zu informieren, welche Funktion das Unternehmen in der Gesellschaft hat und was das Unternehmen wirklich mit dem Euro des Verbrauchers anstellt. Es gehe eben nicht nur um nackte Verkaufszahlen, sondern um das Image eines Unternehmens: „ Nur weil sich die Verkaufszahlen nur gering oder gar nicht ändern, heißt das für uns nicht, dass wir aufhören, darüber zu berichten.“ Doch auch wenn sich die Testergebnisse nicht direkt auf die Absatzzahlen der Unternehmen auswirken – ein Produkt, das das Label „Öko-Test: sehr gut“ bekommt, verkaufe sich nach Einschätzungen Stellpflugs zehnmal so gut.

Angesichts dieses offenbar großen Einflusses eines guten Testergebnisses lag die Frage im Raum, wie man gerade in einer „Test“-Redaktion unabhängig von den Marken bleiben könne – zumal sich das Magazin „Öko-Test“ zu einem Drittel aus Anzeigen finanziert. Chefredakteur Stellpflug sieht darin keinen Interessenskonflikt. Jeder könne Testergebnisse nachrechnen und würde sofort einen Zusammenhang erkennen. Die Butter der Lebensmittelmarke „Landliebe“ – eines der besten Anzeigenkunden – habe nach einem „sehr gut“ aktuell ein „mangelhaft“ eingefahren. Auch Anita Stocker bestätigte, dass Produkt-PR absolut ausgeschlossen sei. Zwar sei eine Anbieter-Vorabinformation unerlässlich. Aber „veröffentlicht wird immer.“

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.