Eine Idee abseits von Schlagzeilen

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Mit einem bislang einmaligen Projekt will der NDR in seinem gesamten Sendegebiet neonazistische Aktivitäten jenseits der medialen Tagesaktualität dokumentieren: im Hörfunk, Fernsehen oder im Web, mit Reportagen und Dokumentationen, als Blog oder virtuellen Landkarte. Das Projekt soll außerdem all die portraitieren – und ermutigen –, die sich seit Jahren gegen rechts engagieren, unbemerkt von der medialen Öffentlichkeit.

[Beitrag aus „nestbeschmutzer 1/2012]

Das Thema Rechtsradikalismus ist bei dieser Jahrestagung am ersten Tag mit dem Eingangsreferat, mit Diskussionsrunden, mit Filmen prominent vertreten. Reagiert aber hier der Journalismus nicht wieder nur aktuell, statt im Vorfeld schon einmal agiert zu haben?

Natürlich müssen wir uns diese Fragen stellen: Haben wir, mit Ausnahmen, als Medien immer so genau hingeguckt? Oder waren wir nicht ganz froh, dass wir so ein paar Einzelkämpfer hatten, auf die wir uns, wenn es etwas Spektakuläres gab, bequem zurückziehen konnten? Wie sieht es damit aus?

Angedacht ist es, sich mit Tätern und Unterstützern in den einzelnen Regionen zu beschäftigen. Wie?

Ein banales Beispiel: Es gibt die Finanziers der NPD. Wir fragen die, warum sie die NPD finanziell unterstützen. Ganz banal. Dann ist für andere Organisationen bekannt, wer die Hintermänner sind. Wir versuchen, mit denen in Kontakt zu kommen, sie bei ihren Aktivitäten zu filmen. Dazu kommt auch, dass wir jeder Region Archivfilme zuordnen. Es gibt da beeindruckend viel, was in den Regionalprogrammen alles schon lief. Das stellen wir erst einmal alles wieder online und verorten das zu der Region. Gleichzeitig wird eine Liste und eine Landkarte rechtsradikaler Gewalt erarbeitet.

Dieses Projekt über die Neonaziszene hier im norddeutschen Raum soll ein gemeinsames, NDR-übergreifendes Projekt werden.

Es war noch nie der Fall, dass so viele Akteure sich beteiligt haben. Alle Landesfunkhäuser, das Zentralprogramm, der Hörfunk, die Onliner. Von daher ist es natürlich schon ein Riesenprojekt mit dem ehrgeizigen Ziel, zu reportieren, zu dokumentieren, was da los ist. Abseits von NSU und aktuellen Schlagzeilen.

Wie muss man sich das intern vorstellen?

Es gibt ein festes Projektteam mit den Vertreten der Landesfunkhäuser. Dazu Mitglieder aus verschiedenen Redaktionen aller Bereiche. Das sind insgesamt 18 Leute. Wir treffen uns regelmäßig. Im Netzwerk haben wir ein Laufwerk eingerichtet, zu dem alle diese 18 Leute Zugriff haben. Da findet die Kommunikation statt. Und mit den Autorinnen und Autoren.

Nazis machen vor den Landesgrenzen nicht halt. Müsste es nicht ein bundesweites Projekt werden?

Wenn andere Sender so ein Projekt für sich auch machen, toll. Die Idee ist so banal: Abseits von Schlagzeilen zeigen wir drauf. Im Mittelpunkt stehen hier ausschließlich die Aktivitäten in Norddeutschland. Das ist genau die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist? Zum Beispiel die Unsterblichen: Wo will ich die regional verorten? Nur weil die nachts ihren Marsch in Harburg gemacht haben, kann ich ja Harburg nicht auflisten unter braunen Aktivitäten. Trotzdem müssen wir die Unsterblichen berücksichtigen. Das wird in jedem Einzelfall eine sehr schwierige Abgrenzungsfrage sein.

Mit dem Initiator Kuno Haberbusch sprach Wulf Beleites. Wulf Beleites ist freier Autor für Print und Fernsehen in Hamburg. [Beitrag aus „nestbeschmutzer 1/2012]

Hier geht’s zum Projekt. 


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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.