Eine Stunde im Banken-Kreisverkehr

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann  hat im Forum “Die Zahlenversteher” mit einfachen Worten und viel Humor die Finanzkrise erklärt. Was ist Eigenkapital und welche Rolle spielt es in der Krise? Siri Warrlich hat Ulrike Herrmanns Ausführungen aufgezeichnet.

Vielleicht besteht die Gute-Nacht-Lektüre von Ulrike Herrmann aus Bank-Bilanzen. Nicht, weil die so einschläfernd wären. Aber die Wirtschaftsjournalistin der taz und gelernte Bankkauffrau erklärt die Bestandteile einer Banken-Bilanz so souverän und mit humorvoller Leichtigkeit, als könne sie die wichtigsten Posten der Aktiva und Passiva im Schlaf herunterbeten.

Für die Zuhörer gilt größtenteils das Gegenteil: Die Fragen nehmen kein Ende. Wie funktioniert die doppelte Buchführung? Welche Bestandteile hat eine Bilanz? Und machen Banken eigentlich Gewinn? Ulrike Hermann antwortet mit lebhaften Erklärungen und kritzelt unentwegt Ergänzungen in ihre Ausgangs-Bilanz, die sie zum Einstieg auf ein Flipchart gemalt hat. Die Quintessenz ihrer Erläuterungen für alle Ahnungslosen:

Wie ist eine Bilanz aufgebaut?

Der Aufbau einer Bilanz beruht auf dem Prinzip der doppelten Buchführung, „einer der ganz großen Kulturleistungen Europas“, so Ulrike Hermann. Links stehen die Aktiva. Sie zeigen, wofür eine Bank oder ein Unternehmen vorhandenes Geld verwendet. Recht stehen die Passiva. Die zeigen wiederum, wo das vorhandene Geld herkommt.

Die wichtigsten Aktiva: Sachgüter (als zum Beispiel die Grundstücke, Gebäude, Ausstattung einer Bank), Kredite, die die Bank an Kunden, andere Banken oder Staaten vergibt und Bargeld, das sie vor Ort zur Auszahlung aufbewahrt.

Wo kommt das Geld her?

Die wichtigsten Passiva sind: Spareinlagen der Kunden, Guthaben auf Girokonten, Kredite, die die Bank von anderen Banken aufnimmt und das sogenannte Eigenkapital. Die Bilanzsumme muss auf Aktiv- und Passiv-Seite am Ende die gleiche ergeben. Die Bilanzsumme der deutschen Bank etwa, die Ulrike Herrmann als Rechenbeispiel heranzieht, lag laut Herrmann im letzten Geschäftsjahr bei rund 2,1 Billiarden – also 2100 Milliarden – Euro.

Was ist das Eigenkapital?

„Eigenkapital ist ein furchtbar technischer Begriff“, sagt Herrmann. Eigentlich stecke der ganz große Clou dahinter: In der Höhe des Eigenkapitals liege eine der wichtigsten Ursachen für die Finanzkrise, sagt Herrmann. Grundsätzlich bestehe das Eigenkapital aus Geld, das die Bank durch die Ausgabe von Aktien und aus Gewinnrückstellungen einnehme. Gewinnrückstellungen entstünden, wenn die Bank nicht alle ihrer Gewinne an ihre Aktionäre ausschütte, sondern einen Teil davon selbst behalte.

Warum ist das Eigenkapital so wichtig?

„Das Eigenkapital ist der Risikopuffer einer Bank“, sagt Herrmann. Angenommen, in der linken Seite bei den Aktiva der Bankenbilanz kommt es zu Ausfällen, zum Beispiel, wenn eine Bank Kredite an den griechischen Staat vergeben hat, die nun nicht mehr zurückgezahlt werden können. Dann muss die rechte Seite der Bilanz dagegenhalten, um das Minus auszugleichen.

In diese Fall bleiben laut Herrmann zwei Optionen: Entweder die Bank nimmt selbst einen Kredit auf oder sie gleicht den Ausfall mit ihrem Eigenkapital aus. Letzteres sei der Idealfall, damit sich die Bank  durch den Kreditausfall nicht selbst verschuldet.

Das Problem dabei: Die Eigenkapitalquote, also der Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsumme, ist bei den meisten Banken sehr gering. Zu gering, wie die Finanzkrise gezeigt habe, sagt Herrmann. Bei der deutschen Bank etwa lag er im letzten Jahr bei rund 2,5%. Sprich: Die Bank könnte auf der Aktiva-Seite nur einen Ausfall von 2,5% verkraften und mit ihrem Eigenkapital ausgleichen. Alles, was darüber hinausgeht, müsste der Staat mit Steuermitteln draufzahlen – oder die Bank geht pleite. Dass viele Banken eine sehr geringe Eigenkapitalquote hätten ist also – so erklärt es Herrmann vereinfacht – eine der Hauptursachen der Finanzkrise.

Warum haben viele Banken so eine geringe Eigenkapitalquote?

Banken seien in ihrer Öffentlichkeitswahrnehmung vor allem an der Eigenkapitalrendite interessiert, sagt Herrmann. Sie sagt aus, wie viel Gewinn jeder in die Bank investierte Euro abwirft. Die Eigenkapitalquote errechnet sich, in dem der Gewinn der Bank durch das Eigenkapital geteilt wird. Je geringer das Eigenkapital desto höher also die Eigenkapitalrendite.

An dem Beispiel, das Herrmann benutzt lässt sich erkennen: Josef Ackermann hat sich für die deutsche Bank eine Eigenkapitalrendite von 25% zum Ziel gesetzt. „Wenn man nur 2,5% Eigenkapital hat, muss man nicht mehr viel Gewinn machen, um das zu schaffen“, sagt Ulrike Hoffmann. „Um die Jahrhundertwende hatten viele Banken aber viel mehr Eigenkapital, oft mit einer Eigenkapitalquote von bis zu 40 Prozent.“ Das sei zum einen sicherer gewesen, zum anderen hätten die Banken trotzdem Geld verdient, sagt Hoffmann.

Ein Broker namens Buddenbrook

Nach dieser Einführung in die Finanzkrise jongliert Herrmann fröhlich weiter mit Begriffen wie Derivat, Kernkapitalquote und Genossenschaftsbank. Wie nebenbei erklärt sie auch noch schnell die Funktionsweise von Warenterminbörsen. Mit denen hätten schon die Buddenbrooks  versucht, ihre Geschäfte im Getreidehandel abzusichern, sagt Herrmann. Als sie ihre Ausführungen beendet hat, sind drei Seiten Flipchart vollgekritzelt – und alles, was die Journalistin erklärt hat, war verblüffend verständlich.

Eine Stunde mit dieser Frau im Banken-Kreisverkehr ist allein schon deshalb viel zu kurz. Ein kleiner Trost für die Zuhörer: Ulrike Hermann will ein Buch über all diese Dinge schreiben, denn „richtig gute Literatur gibt es dazu bisher noch nicht“, findet sie. Bis ihr Buch fertig ist, empfiehlt Herrmann „The Great Crash“ von John Kenneth Galbraith: „Da geht es um den Crash von 1929, aber man versteht danach schon eine Menge über die aktuelle Krise.“ Als Gute-Nacht-Lektüre  – zumindest für Finanzlaien –  ist das Werk vermutlich aber nur bedingt geeignet.

 

 

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.