Fettnäpfchen, Fehler, Fallstricke – BLSJ zeigt Medienschaffenden die größten Sprach-Verirrungen

Samstag, 21. April 2012 | Veranstaltung im Programm
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Warum so kompliziert...? Die Fettnäpfchen bei der Berichterstattung über Lesben und Schwule

So patzen Journalisten bei Lesben und Schwulen.

Es gibt Phrasen, die Textchefs sofort aus den Artikeln streichen, weil sie haarsträubend schräg, falsch oder abgenutzt sind. Doch wenn Lesben und Schwule Teil der Berichterstattung werden, dann tun sich so manche Journalistinnen und Journalisten schwer. Markus Bechtold (evangelisch.de) hat im Rahmen des Jahrestreffens des Netzwerk Recherche zu einer einstündigen Tour durch Fehler, Fallstricke und Faux-Pas der Qualitätsmedien eingeladen. Die Roundtable-Veranstaltung unter dem Titel „Warum so kompliziert…? Die Fettnäpfchen bei der Berichterstattung über Lesben und Schwule“ war bereits die zweite Zusammenarbeit des Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen e.V. (BLSJ) mit dem Netzwerk Recherche und fand am 2. Juni 2012 in Hamburg statt. Gut 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligten sich an der munteren Diskussion von Textbeispielen aus Bild, SZ, Spiegel und anderen. Moderiert wurde die Veranstaltung von BLSJ-Vorstand Martin Munz.

Während es bei heterosexuellen Politikerinnen und Politikern üblich ist, auch über das Privatleben zu berichten, galt es lange als Tabu, die private Seite homosexueller Politikerinnen und Politiker zu thematisieren. Stattdessen griffen  Journalisten auf nebulöse Umschreibungen wie „eingefleischter Junggeselle“ zurück. Markus Bechtold begrüßte, dass diese Floskel mittlerweile kaum noch verwendet werde. Er forderte die Journalisten aber dazu auf, es gleichwertig unaufgeregt zu handhaben „wie bei heterosexuellen Politikern auch.“

Das kann aber nur in jenen Fällen gelingen, in denen ein Promi offen lesbisch oder schwul lebt. Es falle auf, dass neben all den schwulen Spitzenpolitikern nicht eine einzige lesbische Politikerin ersten Ranges zu finden ist. „Es fehlt noch immer die weibliche Wowereit“, sagte Munz.

Bechtold erklärte den Unterschied zwischen einem selbstbestimmten Coming-Out und einen fremdbestimmten Outing. Beide Begrifflichkeiten würden in der Medienberichterstattung in manchen Fällen verwechselt. „Die Selbstbestimmtheit sollte man Lesben und Schwulen normalerweise  nicht nehmen“, sagte Munz, daher spreche sich der BLSJ allgemein gegen Zwangsoutings aus. „Wenn aber Politikerinnen und Politiker ein konservatives Familienbild propagieren, selbst aber homosexuell sind, dann darf man aus Sicht des BLSJ auf diesen programmatischen Widerspruch durchaus hinweisen, auch mit einem Outing.“

Besonders augenfällig ist die Diskriminierung von Lesben in der Berichterstattung. Artikel über Homosexuelle sind nämlich meist Artikel über Männer. Frauen werden ausgeblendet, das Wort „Lesbe“ bleibt eine echte Rarität. Bestätigt wird dieser Eindruck durch eine Analyse von Elke Amberg, im Ulrike Helmer-Verlag erschienen unter dem Titel: „Schön! Stark! Frei! – Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden“. Die Kommunikationswissenschaftlerin kommt nach der Auswertung von 81 Beiträgen mit schwul-lesbischem Bezug zum Ergebnis, dass homosexuelle Themen hauptsächlich Geschichten über Männer sind. „Gilt der Begriff ‘lesbisch’ immer noch als schmutzig?“ Diese Frage warf Bechtold in die Runde – und erntete Bestätigung. „Für mich klingt lesbisch abwertender als schwul“, sagte eine Teilnehmerin. Eine junge Journalistin erzählte von ihren Schwierigkeiten, ein lesbisches Paar für eine Geschichte zu finden. Während sich zahlreiche Männerpaare gemeldet hätten, habe sich kein einziges Frauenpaar zu einem Porträt bereiterklärt. Eine weitere Teilnehmerin erläuterte, Deutschland sei eine männerdominierte Gesellschaft, daher prägten auch Männer das Bild der Homosexuellen.

Als Ausdruck dessen kann der nahezu unverwüstliche Sprachpatzer „Homosexuelle und Lesben“ gelten. „Ich verwende ihn manchmal als Test im Bekanntenkreis: Viele verstehen nicht einmal, was daran falsch ist“, sagt Munz. „Natürlich muss es ‚Schwule und Lesben‘ heißen“, erklärt Bechtold. Ein Grund dieser Verirrung könnte sein, dass umgangssprachlich ‘der Homo’ eher verbreitet sei als ‘die Homo’, vermutet eine Teilnehmerin.

Scharfe Kritik übte die Runde an dem ebenso häufig in den Medien auftauchenden Begriff des „Homosexuellen-Milieu“. Ein vergleichbares „Heterosexuellen-Milieu“ sucht man vergebens, und bisweilen steht es als Synonym für die Stricherszene. Dann kann man das aber auch „einfach so schreiben, wie es ist“, empfahl Bechtold.

Ebenfalls streichen lässt sich das ‘bekennend’, das vielen Lesben und Schwulen voran steht. „Unterschwellig ist das eine Herabwürdigung“, sagte Bechtold, denn „man bekennt sich zu einer Straftat oder einem Glauben, aber nicht zu seiner sexuellen Orientierung.“ Munz wies darauf hin, dass der Ursprung dieser Formulierung im Paragraph 175 liegt, der Homosexualität in Deutschland unter Strafe stellte. „Früher bekannten sich offen lesbische oder schwule Menschen tatsächlich zu einer Straftat, ob sie das wollten oder nicht.“

„Mit unseren Hinweisen wollen wir als Verband Ratgeber und Dienstleister für viele Kolleginnen und Kollegen sein, die sich beim Texten vielleicht mal unsicher sind“, sagte Munz. Zum Thema „Schöner schreiben über Lesben und Schwule“ hat der BLSJ e.V. ein Faltblatt mit wertvollen Tipps für den redaktionellen Alltag veröffentlicht. Mehr Details dazu unter http://www.blsj.de/projekte/schoener-schreiben/.

Kommentare

  1. Antiphon schreibt:

    21. Juni 2012 um 15:17(#)

    Als Laie, der aber selbstverständlich auch an guten journalistischen Produkten interessiert ist, möchte ich nun ein paar Anmerkungen machen:

    1. Sie verwenden “Lesbe” uneingeschränkt und selbstverständlich als Synonym für “homosexuelle Frau”, obwohl der Begriff primär einen weiblichen Einwohner der Insel Lesbos bezeichnet. Mir ist die etymologische Geschichte dieses Begriffes durchaus bekannt, wenn man aber reflektiert über Sprache nachdenkt, kommt man daran nicht vorbei. Es ist zu überlegen, ob man der Genauigkeit halber nicht das Wortungetüm “homosexuelle Frau”, eine griffige Abkürzung (“Homau”, “Fromo”) oder gleich ein neues, den aktuellen demografischen Daten entsprechendes Synonym benutzt (“Kölnerin”).

    2. Sie monieren Kompliziertheit, und doch machen sie es sich nicht so einfach, als dass sie das generische Maskulinum (welches nun einmal ein Teil der deutschen und vieler anderer Sprachen ist) durchgehend verwendeten. Alle Achtung, sie verschonen den Leser wenigstens von linken Wortungetümen wie “Terrorist/innen” oder “Salzstreuer_innen”, die den Lesefluss aufs Unerträgliche hin beeinträchtigen. Aber trotzdem, “warum so kompliziert?”.

    3. Die Kritik am Milieubegriff kann ich so nicht nachvollziehen. Ein soziales Milieu grenzt sich immer durch seine Unterschiede zum “normalen Milieu” ab und wird demenstprechend bezeichnet. Auch ist Milieu keineswegs wie von ihnen suggeriert ein Peiorativum. So gibt es z.B. das katholische Milieu, das gerade eben da auffällt und als solches so bezeichnet wird, wo der Katholizismus in der (nicht nur numerischen) Minderheit ist. Gleiches trifft auf Heterosexualität meines Wissens nach nirgendwo zu, weswegen ich den Hinweis auf das “fehlende” Antonym “Heterosexuellen-Milieu” so nicht ernst nehmen kann. Zumal der Begriff zweifellos verwendet werden würde, wenn es um eine entsprechende soziale Umgebung in einem sonst schwulen Viertel (“Gay village”) gehen würde.

    4. Sehr korrekt monieren sie Floskeln wie “eingefleischter Junggeselle”. Auch bei einem Usus, der wenig Zweifel an seiner Bedeutung übrig lässt, ist man letzten Endes doch nicht sicher, ob hier nicht ein heterosexueller Single gemeint ist, der sich nicht binden will. Sprache sollte schon direkt sein.

    5. Scharf erkannt haben sie auch die umgangssprachliche Einschränkung von “Homosexuell” auf Männer. Dies liegt zum einen an der unglücklichen Begriffsbildung aus gemischtem Griechisch und Latein, die Lateiner oder Kenner romanischer Sprachen bei “Homo-” (ομο-) fälschlicherweise ans lateinische “Homo” und dessen Abkömmlinge in den modernen Sprachen denken lässt, in denen der Begriff auch ein Synonym für “Mann” statt nur “Mensch” ist. Zum anderen ist eben auch die höhere Anzahl von Schwulen, oder zumindest deren größere Sichtbarkeit und Selbstdarstellung, ursächlich dafür.

    6. Schlecht finde ich auch das “bekennend”, da wurde alles gesagt.

  2. Matthias Gerschwitz schreibt:

    22. Juni 2012 um 06:55(#)

    @ Antiphon:

    Nun wird’s aber schwierig. Der Begriff »Lesbe« für eine homosexuelle Frau gilt mit Sicherheit schon lange als eingebürgert und steht durchaus eigenständig neben der Bewohnerin der genannten Insel, ohne dass hier Verwechslungen zu befürchten sind.

    Ich denke nicht, dass Sie den Einwohner einer hessischen Metropole verunglimpfen, wenn Sie »Frankfurter Würstchen« bestellen – und Sie machen sich auch nicht des Menschenhandels schuldig, wenn Sie diese Bestellung schlicht auf »ein Paar Frankfurter« reduzieren. Also, lieber Antiphon: Warum so kompliziert?

    Ihr Vorschlag, Begriffe wie »Homau« oder »Fromo« zu verwenden, zeigt doch nur wieder einmal die Flucht in Kunstworte, um der Realität nicht ins Auge sehen zu müssen. Tatsache ist, dass die Lebenswirklichkeit homosexueller Menschen auf der einen Seite und das gesellschaftliche, speziell mediale Bild davon immer noch diametral auseinanderliegen. Immer noch wird im Boulevard »schwul« und »pädophil« in eine Schublade gesperrt … immer noch glauben heterosexuelle Männer, sie könnten Opfer schwuler Übergriffe werden. Leider ist es genau umgekehrt: Die Mehrzahl der Pädophilen ist heterosexuell und Homosexuelle – gleich welchen Geschlechtes – sind Opfer. Aber das nur nebenbei …

    Übrigens: Der Begriff »Katholisches Milieu« für – wie es eigentlich richtig heißt: »Diaspora« – ist klasse. Ich habe ihn zwar noch nie in Gebrauch gesehen, werde ihn aber zukünftig für den Vatikan verwenden – auch wenn Sie darob nun im »sauren Milieu« leben werden …

  3. Axel Kostrzewa schreibt:

    22. Juni 2012 um 07:16(#)

    Meine Meinung: Wenn sich homosexuelle Frauen selbst Lesben und homosexuelle Männer Schwule nennen, dann sollten diese Begriffe auch allgemein gelten und verwendet werden. Fremd-Bezeichnungen, allemal mit verwischenden Kunst-Worten und vernebelnden augenzwinkernd gemeinten Pseudoworten (175er, Kölnerin…), diskriminieren.

    Sagen, was ist – ist das so schwer?

  4. Antiphon schreibt:

    22. Juni 2012 um 10:26(#)

    @Matthias Gerschwitz

    Sie gehen falsch in der Annahme, dass es richtig “Diaspora” heißen müsste. Ihre Annahme lässt darauf schließen, dass sie ein Graecum nicht erworben haben. Gerade dann sollte man aber vorsichtiger sein, wenn man andere mit griechischen Worten “korrigieren” will. Zum Milieubegriff http://de.wiktionary.org/wiki/Milieu

    @Begriff Lesbe

    Dies war der Hauptpunkt, wo sie zum Teil der Meinung waren, dass es keine Verunglimpfung darstelle, zum Teil meinten, dass es einfacher sei. Meine Kritik bezieht sich nur darauf, dass mit dem Begriff “LESBE” Dinge EBEN NICHT beim Namen genannt werden. Es ist im Gegensatz zu schwul ein vernebelndes augenzwinkerndes Wort, dass zu ganz unsinnigen Sätzen führen kann: “Die Lesbe Maria ging mit ihrer nichtlesbischen lesbischen Freundin spazieren.” Kann dutzende verschiedene Sachen bedeuten und hat mit “sagen was ist” soviel zu tun, wie ein zu Guttenberg mit einem Doktortitel. Deshalb wird eben ein Begriff gebraucht, um Dinge beim Namen zu nennen. Oder man muss sich eingestehen, dass es im Deutschen kein passendes Wort gibt, genauso wenig wie für ein explizit disjunktives “Oder”, und die Sachen im Text dafür umständlicher, aber eindeutig, erklären.

  5. Jan schreibt:

    22. Juni 2012 um 12:14(#)

    @Thema Lesbos

    Die Bewohner Lesbos werden Lesvonier (und somit auch Lesvonierin) genannt – damit dürfte es keine Probleme zum Begriff Lesbe geben!

  6. Henning schreibt:

    22. Juni 2012 um 12:49(#)

    Was nutzt es einem mit dem Graecum, wenn man darüber verkennt, dass “schwul” auch nur ein Synonym ist, auch wenn es mit der griechischen Sprache so gar nichts zu tun hat?

  7. Matthias Gerschwitz schreibt:

    22. Juni 2012 um 13:34(#)

    @ Antiphon:

    ich gehe mal davon aus, dass Ihr gewählter Nickname eher mit dem Worteil »Kirche« aus »Kirchenmusik« und weniger mit »antwortend« zu tun hat. Dies belegt schon Ihr Verständnis von Diaspora: Mit diesem Begriff wird auch die Minderheitssituation vor allem einer Religionsgruppe bezeichnet (vgl: http://de.wikipedia.org/wiki/Diaspora).

    Worin unterscheidet sich also der Begriff »Diaspora« inhaltlich von Ihrem Zitat: »So gibt es z.B. das katholische Milieu, das [...] als solches so bezeichnet wird, wo der Katholizismus in der (nicht nur numerischen) Minderheit ist.«

    Das Graecum als solches ist sicherlich eine feine Sache – enthebt aber den Besitzer nicht von der Anwendung des gesunden Menschenverstands, vor allem, wenn man – wie es bei Ihnen den Anschein macht – die seit dem Erwerb des Graecums erweiterten Begriffsinhalte nicht wahrnimmt/wahrnehmen will.

    Es freut und ehrt mich aber, dass Sie sich trotzdem korrigiert fühlen! Leider finde ich Ihrem Link keinerlei Hinweis auf die Existenz eines »katholischen Milieus« … und nur darauf hob ich ab.

    Aber das macht ja nichts: Sicherlich sind auch Sie lernfähig und -willig!

  8. Matthias Gerschwitz schreibt:

    22. Juni 2012 um 13:48(#)

    @ Antiphon II:

    Ist »schwul« nicht nur deshalb weniger vernebelnd, weil es sich seit vielen Jahren bei heterosexuellen (also nicht uzwingend »normalen« Menschen, zumeist männlichen Geschlechts) eingebürgert hat, dieses Wort abwertend, diskriminierend oder als Schimpfwort zu gebrauchen?

    Nennen Sie, der Sie im Gegensatz zu mir das Graecum erworben haben, mir doch bitte den griechischen Ursprung dieses Wortes. Sie werden nur eine Erklärung finden, die sich auf Päderastie bezieht … und die 1862 lieber in griechischen Buchstaben geschrieben wurde, damit es kein normaler Mensch merkt. Dabei war Päderastie in antiken Griechenland ein durchaus verbreitetes und positiv konnotiertes Verhalten. Erst vor etwa 150 Jahren begann die unrühmliche Vermischung mit »Pädophilie« – aber dazu schrieb ich ja bereits oben.

  9. Matthias Gerschwitz schreibt:

    22. Juni 2012 um 13:48(#)

    @ Antiphon II:

    Ist »schwul« nicht nur deshalb weniger vernebelnd, weil es sich seit vielen Jahren bei heterosexuellen (also nicht zwingend »normalen« Menschen, zumeist männlichen Geschlechts) eingebürgert hat, dieses Wort abwertend, diskriminierend oder als Schimpfwort zu gebrauchen?

    Nennen Sie, der Sie im Gegensatz zu mir das Graecum erworben haben, mir doch bitte den griechischen Ursprung dieses Wortes. Sie werden nur eine Erklärung finden, die sich auf Päderastie bezieht … und die 1862 lieber in griechischen Buchstaben geschrieben wurde, damit es kein normaler Mensch merkt. Dabei war Päderastie in antiken Griechenland ein durchaus verbreitetes und positiv konnotiertes Verhalten. Erst vor etwa 150 Jahren begann die unrühmliche Vermischung mit »Pädophilie« – aber dazu schrieb ich ja bereits oben.

  10. Ingo schreibt:

    22. Juni 2012 um 14:06(#)

    @ Antiphon:

    Da sie selber nicht davon betroffen sind, können sie die Kritik wohl auch kaum nachvollziehen.
    Wenn sie sich über den Begriff “Lesbe” aufregen, was meinen sie dann wie es Schwulen und Lesben, pardon, Schwule und HoFrau, pardon Homsexuelle und Lesben geht?!?
    Die Kritik im Artikel ist berechtigt und wird von vielen Schwulen und Lesben geteilt!
    Alleine die Unterscheidung in “homosexuell und lesbisch” ist so absurd, genauso als würde ich eine Menschenmenge mit “liebe Damen und Menschen” begrüßen.
    Sind Lesben, pardon Frauen die auf Frauen stehen etwa nicht homosexuell?
    Sie erkennen nicht die Diskrimierung, die anhand der Wortwahl impliziert wird:
    Statt “schwul” wird gerne mal “homosexuell” als Begriff genommen, was zwar nicht verkehrt ist, womit aber dann wieder nur Schwule gemeint werden und Lesben ausgenommen.
    Nächster Kritikpunkt:
    “Homosexueller” impliziert nichts anderes als eine Reduzierung der Orientierung auf Sex.
    Das ist falsch. Das es um viel mehr geht, das es um Gefühle geht die sich eben an das gleiche Geschlecht als GANZEN MENSCHEN richten, das blenden viele Menschen, sobald sie diesen Begriff hören aus.
    Umgekehrt denken viele bei diesem Begriff nicht, dass auch Frauen darunter fallen. Ich habe seltenst davon gehört, dass eine Frau als homosexuell bezeichnet wird. Sondern eben – lesbisch.
    Hier passiert genau das Gegenteil: Frauen als sexuelle aktive Wesen werden gar nicht wahrgenommen. Die haben gefälligst in den Fantasien vieler Männer passiv Lustobjekte zu sein…Dann finden dann manchmal jene toll, die bei Schwulen “iieeeh” schreien, aber sich gerne Lesbenpornos anschauen. Natürlich darf dann da der Kerl nicht fehlen, der den Mädels zeigt wo der Hammer hängt. Folge: Während manche schwule Liebe als bedrohlich empfinden und diese auf Sex reduzieren, wird die Sexualität lesbischer Frauen (bzw. Frauen generell) überhaupt nicht ernstgenommen.

    Sowas spiegelt sich dann eben in der Sprache wieder.

    Und sie nun “Lesbe” passend finden, dass ist – mit Verlaub gesagt – albern.
    Warum dafür noch, nachdem sich “Schwul” und “lesbisch” eingebürgert hat, wieder was neues erfinden?
    Zudem gab es noch den Begriff “Lesbierin(nen), bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellen. Eine Lesbe ist schon weiblich, was soll dann “Lesbierin”? Oder gibt es etwa Lesber oder Lesberiche als männliche Form. Aber vielleicht kann man so ja die Einwohner von Lesbos bezeichnen.

    Dann müssten sie sich auch an der Wortwahl fundamentalistischer Christen hier oder generell in den USA stossen.
    Da fallen nämlich Begriffe wie “Sodomisten”, oder “Sodomy-Laws”, in der eine absichtliche Herabwürdigung mitschwingt.

    Kommen wir zum Begriff “Milieu” – das ist sehr wohl (teils bewusst) herabwürdigend, denn es impliziert etwas schmudeliges, kriminelles à la “Rotlichtmilieu”, etc…
    Denn dieser Begriff fällt doch meist bei negativen Meldungen, z.B. im Mordfall Moshammer damals.
    In der Tat ist dieses in einem zwielichten Umfeld passiert, der mit dem schwulen Umfeld, in dem OFFEN LEBENDE Schwule sich bewegen, wenig zu tun hat. Das nennt sich nämlich “schwule (+ lesbische) Szene” und umfasst viel mehr. Und das wäre auch der passende Begriff, nur geistert in der Presse neuerdings nicht “Szene” oder “Community” auf, sondern eben diese “Millieu”.
    Für Aussenstehende wird dadurch die schwule Community generell in eine Schmuddelecke à la “Rotlichtmilieu” gesteckt, zudem wieder der Begriff homosexuelle und somit die oben genannte Reduzierung mitschwingt.

    Es gibt schwule Chöre, schwul-lesbische Jugendgruppen, da von Milieu, was wieder nur auf das sexuelle reduziert, zu sprechen ist albern. Als ob sich diejenigen bloss wegen sexueller Aktivitäten träfen…

    Das wäre so, als ob man plötzlich – weil es ja ein Rotlichmilieu gibt, in dem hauptsächlich Heterosexuelle verkehren – die Mehrheit der Bevölkerung in das “Heterosexuellenmilieu” steckt, nur weil ein paar von ihnen sich in einem “Milieu” bewegt…

  11. Antiphon schreibt:

    23. Juni 2012 um 12:05(#)

    @Henning Gerschwitz:

    Sie, Matthias Gerschwitz, haben meine Verwendung des “katholischen Milieus” (http://de.wikipedia.org/wiki/Katholisches_Milieu) fälschlicherweise als falsch dargestellt, und als Verbesserungsvorschlag einen griechischen Begriff genannt, den sie selber nur auf Papageien-Niveau (Nachplappern) verstehen. DAS ist peinlich und DARAUF bezieht sich nach wie vor der Hinweis auf das fehlende Graecum. Eine Diaspora (griech.) ist eine “Zerstreuung” einer (meist ethnischen) Gruppe außerhalb ihres Gebietes, während Milieu (franz.) die Umgebung bezeichnet. Wie sie sehen, bin ich also noch besser als sie in der Lage, meine Kenntnisse mittels gesundem Menschenverstand anzuwenden oder mir neue Kenntnisse anzueignen.
    Das geht sogar für diejenigen, die kein Graecum erreicht haben! Man braucht den Namen “Antiphon” weder mit “Kirche” noch mit “Antworten” zu verbinden, was beides volliommen falsch ist, sondern eine magische Seite im Internet lässt sich auch von simpleren Naturen so bedienen, dass man eine brauchbare Antwort erhält. http://www.google.de/search?q=Antiphon&ie=utf-8&oe=utf-8&aq=t&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a

    @Jan
    Lesvonierin ist eine von vielen möglichen deutschen Bezeichnungen, die sich durch das Mischen verschiedener Suffixe ergeben. Aber neben Lesbier, Lesbioten, usw. sind Lesbe und Lesber die einfachsten, den natürlichen Deutschen Sprachregeln angemessensten Formen (Wortstamm + einfaches Suffix).

    @Ingo
    Wer hat jemals gesagt, dass ich nicht selber betroffen bin? Davon abgesehen ist ihre Folgerung “können sie die Kritik wohl auch kaum nachvollziehen.” auch nur eine Variation von des Kaisers neuen Kleidern (http://de.wikipedia.org/wiki/Des_Kaisers_neue_Kleider). Wenn man aber Ratschläge und Richtlinien für ALLE geben will, müssen ALLE sie auch zumindest rational nachvollziehen können.
    Ihr nächster Abschnitt zeugt nicht davon, dass sie meinen ersten Beitrag aufmerksam gelesen haben, hiermit bitte ich sie herzlich dies zu tun.

    “Dann müssten sie sich auch an der Wortwahl fundamentalistischer Christen hier oder generell in den USA stossen.” – Das tu ich ja auch, wie ich generell sehr antireligiös und somit auch antichristlich eingestellt bin. Hier geht es aber um die oben zu lesenden vorgestellten Richtlinien, und nicht um fundementalistische Christen.

    Der Begriff “Milieu” ist, um es noch mal festzuhalten, KEIN PEJORATIV. Sie wählen nur Ausdrücke als Beispiel, die SIE als negativ empfinden. Vielleicht ist aber gerade irgendwo jemand im Heroinrausch und schreibt eine Richtlinie für Journalisten, sie mögen bitte nicht vom Drogenmilieu schreiben, da dies diskriminierend sei wegen der Ähnlichkeit zu Homosexuellen-milieu…
    Und wie man am “sauren” oder “basischem Milieu” etwas auch nur entfernt Negatives finden kann, weiß ich nicht, aber wenn man das erwähnen würde, könnte ja die Argumentation in sich zusammenbrechen.

  12. Axel schreibt:

    24. Juni 2012 um 21:24(#)

    Zum Milieu-Begriff noch eine Ergänzung im BLSJ-Faltblatt “Schöner schreiben über Lesben und Schwule”:

    http://www.blsj.de/projekte/schoener-schreiben/

  13. Thommen_62 schreibt:

    1. Juli 2012 um 19:51(#)

    Die Tatsache, dass vor allem über schwule Männer geschrieben wird zeigt doch den Grad der Diskriminierung in der Gesellschaft an!
    Bei den lesbischen Frauen ist es oft eine Gratwanderung zwischen Voyeurismus und unglaubhaftem Staunen.

    Jedenfalls sollten Schwule nicht im Namen von Lesben schreiben und auch nicht umgekehrt. Die soziale Stellung ist eine qualitativ ANDERE. Und das wird sich auch so schnell nicht ändern!

    Mir fällt immer auf, dass Männer “bekennen” müssen, während Frauen es nur “zugeben” müssen… ;)

  14. Best Casino Games To Play schreibt:

    11. April 2013 um 15:33(#)

    Best Casino Games To Play…

    Fettnäpfchen, Fehler, Fallstricke – BLSJ zeigt Medienschaffenden die größten Sprach-Verirrungen :: nr-Jahreskonferenz 2012…

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.