„Kann ich da mitkommen?“

Freitag, 1. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Peter Sartorius möchte nicht über die grundsätzlichen Prinzipien einer gelungenen Recherche wie Gründlichkeit, Intensität oder Unvoreingenommenheit sprechen. Er geht weiter. Ein halbes Jahrhundert Rechercheerfahrung hat der ehemalige Reporter der Süddeutschen Zeitung. Und dabei gerade auch aus gescheiterten Recherchen viel gelernt.

 

 

Zu viele Informationen

Thema: Flughafen Frankfurt. Er war so gut vorbereitet – hatte sich durch Archive gewühlt, Kontakte geknüpft und sich Zugang zu Fluglotsen bis hin zur Lufthansa verschafft. „Wir wollten dem Leser schildern: Was ist eigentlich dieses Monster?“ In seinem Hotelzimmer stapelten sich Daten, Zahlen und Statistiken. Nach vier Tagen kam er mit eingezogenem Kopf in die Redaktion zurück. „Ich wusste ganz genau, wie viele Flugzeuge wann starten, aber eigentlich wusste ich nicht viel mehr als vorher.“ Was fehlte war die Geschichte. Er hatte damals noch nicht begriffen, dass dieses „Staubsaugerverfahren“, alles an Material zu speichern, der falsche Ansatz ist. Sein Tunnelblick hat verhindert, einzelne „Helden“ zu finden, die für den Flughafen stehen. „Man muss sich vorher klar werden: Was will ich eigentlich mit meiner Recherche.“

Vier Wochen später las er auf der Titelseite von GEO einen „fabelhaften“ Artikel über den Flughafen von Chefredakteur Peter-Matthias Gaede. „Das war die Geschichte, wie ich sie schreiben wollte“, erzählt er bedauernd. Die tragisch komische Pointe: Gaede bekam für diese Geschichte den Egon-Erwin-Kisch-Preis, Sartorius hielt die Laudatio.

 

Opfer der Versuchung

In Französisch-Guayana beschäftigte sich der Reporter in den 80er Jahren neben der Recherche über den europäischen Weltraumbahnhof mit der Verbannung französischer Krimineller. Er hatte Glück: Ein alter verbannter Sträfling erzählt ihm seine Geschichte: Er habe den Geliebten seiner Freundin erschlagen. Sartorius glaubte ihm. Ein Buch und ein paar Gesprächspartner bestätigten es ihm. Die Geschichte lief gut. Dann der Schock, als er wieder dort war. Denn er erfuhr: Es gab nie einen Mord. „Ich bin einfach dieser Faszination erlegen, dass ich überhaupt jemanden gefunden hatte, das hat mein Sinn getrübt.“ Nach einer erneuten Recherche, veröffentlichte er noch eine Geschichte zu dem Thema im Magazin GEO, als „Reinwaschung“ für ihn. „Das Entscheidende ist, dass man innerlich etwas unbedingt glauben will. Das lähmt den kritischen Verstand, genauer nachzuprüfen.“

 

Der Beleg für das Unglaubliche

Atlantic City, vor 30 Jahren: Der Reporter stürzte sich ins Spielerparadies auf der Suche nach einer ungewöhnlichen Geschichte. Das Archivmaterial, die Auskünfte der Pressedame eines Casinos und das touristische Treiben waren brauchbarer Stoff, lieferten aber noch keine Geschichte. Was fehlte war eine zentrale Figur. Eine zufällige Beobachtung veränderte alles. Sartorius saß in einem Café, das Casino im Blick, und bemerkte, wie eine ältere Spielerin langsam hinter einem Spieltisch umfiel. Ein Wachmann und eine Sanitäterin zogen sie unter den Spieltisch, sodass nur noch die Beine hervor schauten. Auf dem Tisch wurde weitergespielt. Das war’s! „Aber ich konnte ja jetzt nicht einfach zu ihr unter den Tisch kriechen“, erzählt er. „Und ich brauchte einen Beleg.“ Das glaube sonst kein Leser. Er könnte davon ausgehen, dass die Geschichte erfunden ist, weil sie nicht nachprüfbar ist. „Was Sie recherchieren muss belegbar sein, sonst sind Sie in der Versuchung zu flunkern und der Leser wird es nicht glauben“, sagt Peter Sartorius. Und hatte eine Idee: Er eilte zur Pressedame und fragte sie, wie sie auf Fälle vorbereitet seien, wenn ein Kunde mit seinem Glück oder Pech nicht fertig würde. Sie ließ sich die Situation zeigen und sagte den rettenden Satz über die zum Spieltisch geeilte Sanitäterin: „Doesn’t she do a wonderful job“. Damit hatte Sartorius eine nachprüfbare Quelle. Recherche brauche Zeit und Ruhe, rät er, um im Gewöhnlichen das Ungewöhnliche zu finden, um Informanten zu zentralen Figuren der Geschichte werden zu lassen.

 

Unerwartetes durch Unscheinbares

Geplant war eine umfassende Darstellung der Aidsepidemie im Süden Afrikas. Sartorius hatte sich intensiv auf die Recherche vorbereitet, wichtige Kontakte geknüpft. Er wusste noch nicht genau, worauf es hinauslaufen würde. Zwei Tage vor der Abreise beschloss er, noch die BMW-Werke vor Ort zu kontaktieren – für mögliche gewinnbringende Aspekte. Nach einer Besichtigung der Roboter im Werk, „die kein Aids kriegen“, fragte der Pressechef:„Und, haben Sie gekriegt was Sie wollten?“ Sartorius sagte, es sei interessant gewesen, sagte aber auch ehrlich, dass diese Informationen nicht wirklich relevant für das Aidsthema seien. Der Pressesprecher daraufhin: „Na, warum wenden Sie sich nicht an Professor „So und so“? „So und so“ wurde die „Heldenfigur“, die die Geschichte erzählte: Er war der Erste, der das Aidsproblem erkannte und lieferte dem deutschen Reporter hochinteressante Informationen. „Das flutschte!“, erzählt er. Seinem Publikum rät er: „Geben Sie nie auf, immer neue Ansatzpunkte zu finden und zu verfolgen.“

 

Ehrliches Interesse

„Ich bin von Natur aus neugierig. Und ich hab ein Faible für die Wissenschaft, obwohl ich nicht viel davon verstehe.“ Er ist ein Reporter, der bei Recherchen „begreifen“ will. Und läuft zum Beispiel im Forschungszentrum Jülich von Abteilung zu Abteilung und lässt sich die Arbeit der Forscher erklären. Die Experten waren überrascht, erzählt er. Sie hätten es nicht oft erlebt, dass sich jemand ernsthaft dafür interessiert, sagten sie. Wenn man bereit sei zu lernen, gewillt zu begreifen, „eröffnet sich ein wundervolles Panorama“, schwärmt Sartorius. „Man gewinnt unglaublich viel Vertrauen, wenn man als Fragender auftritt, der das Gefühl vermittelt, dass er persönlich interessiert ist. Das ist wohltuend.“ Für beide Seiten.

 

Glück und Hartnäckigkeit

„Kann ich mitkommen an die Front?“, fragt Peter Satorius im Gespräch mit  Otto von Habsburg in Zagreb. Ob er nicht in seinem Konvoi mitfahren könne. „Klar!“ Später hatte von Habsburg noch einen Termin mit dem kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman“ „Kann ich da auch mitkommen?“ Während eines Luftangriffs landete Peter Sartorius mit den beiden im Atombunker. Ein Glücksfall. Seine Hartnäckigkeit und Geduld hatte sich ausgezahlt. „Man kann das Glück ein bisschen zwingen, indem man ständig nur im Kopf hat: Ich will noch was für die Geschichte haben!“

Wie empfindlich Recherchen sind, zeigen seine Erfahrungen. Es gibt kein Patentrezept für eine gute Recherche, denn jedes Mal läuft sie anders. „Reporterglück hat man vor allem auch dann, wenn man es ein bisschen erzwingt, wenn man versucht immer noch was zu finden, sich nie zufrieden gibt mit dem, was man schon hat.“ Und darum geht es ja auch im Journalismus: Dinge zu sehen und zu schreiben, die der Leser niemals hätte sehen können.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.