Kindersoldat im Deutschlandtrikot

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Kindersoldaten im Deutschland-Trikot
Wie deutsche Journalisten einen afrikanischen Warlord in Mannheim entlarvten.

Seit Jahren gehören sie zu den wenigen Journalisten, die über die Lage im Kongo berichten: Simone Schlindwein von der taz, Susanne Babila vom SWR und Markus Frenzel vom ARD-Magazin Fakt.

Seit vielen Jahren tobt im Kongo ein brutaler Bürgerkrieg. Die Rebellengruppe, die für diesen Krieg maßgeblich verantwortlich ist:  die Forces Démocratique de Libération du Rwanda (FDLR). Ihr Präsident, Ignace Murwanashyaka, emigrierte 1989 nach Deutschland und kommandierte  seit 2001 von Mannheim seine Truppe  – über  Skype. „Ignace ist ein religiöser Extremist. Ein Überzeugungstäter. Absolut gefährlich“, urteilt  Babila über den Präsidenten.

Er ist verantwortlich für Morde, Vergewaltigungen und Rekrutierungen von Kindersoldaten. Von seinen Soldaten wurde er gefeiert. „Im Kongo habe ich Kindersoldaten mit Deutschlandtrikot getroffen“, berichtet  Schlindwein.

„Ignace lebte in heruntergekommenen Wohnungen, war auf Hartz IV angewiesen, widmete sich ganz und gar seinem politischen Engagement“, sagt  Frenzel. Ein Kriegsverbrecher in der eigenen Nachbarschaft – für die Politik war das anscheinend kein Problem. Weder Berichte in den Medien, noch das Gesuch durch Interpol bewegte die deutschen Behörden,  ernsthaft gegen Ignace  zu ermitteln. Erst ein Bericht der UNO führte im November 2009 zu seiner Festnahme.  Die Folge: Viele  Soldaten desertierten, die FDLR wurde  stark geschwächt.

Die deutsche Presse spielte in dem Skandal eine wichtige Rolle.  Seit 2007 berichtete sie  über den Fall Ignace,  die deutschen Behörden reagierten gleichwohl sehr viel später.  Ob das zögerliche Verhalten auf  Überforderung der Behörden oder auf  mangelnden Willen zurückzuführen war, darüber waren sich  die Experten auf der nr-Tagung nicht einig.

Sicher aber ist: Viele führende Offiziere der FDLR und anderer afrikanischer Rebellengruppen wurden  an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg ausgebildet, sagt Schlindwein. Die Alumni-Veranstaltung zum 50-jährigen Jubiläum der Akademie musste  abgesagt werden. Den Grund kann Schlindwein nur vermuten: „Vielleicht waren zu viele Kriegsverbrecher auf der Einladungsliste.“

 

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.