Kritik unerwünscht

Sonntag, 3. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
Referent(en): , ,  |  Moderation:
Text:  |  Fotos:

Anwalt war gestern. Wie kritische Journalisten diffamiert und verfolgt werden.

Renate Daum arbeitet für die Gruner und Jahr Wirtschaftsmedien und beschäftigt sich besonders mit dem grauen, beziehungsweise wenig regulierten Kapitalmarkt und warnt beispielsweise Kunden vor wenig vorteilhaften Angeboten. Presserechtliche Auseinandersetzungen sind fast schon üblich. Zuletzt gab es jedoch einen Fall, bei dem sie zunächst persönlich, später auch der Verlag unter Beschuss geriet.

Es fing zunächst mit mehreren unseriösen Pressemitteilungen durch einen Kunden an, der sich durch ihre Berichterstattung offensichtlich angegriffen fühlte. Darauf folgten Blog-Einträge mit Behauptungen wie sie sei ein ehemaliges Stasi-Mitglied und unterwandere Gruner und Jahr mit sozialistischen Ansichten. Danach versuchten die Täter Daums Arbeit im Verlag zu diffamieren und schickten permanent Löschungs- und Änderungsaufträge per Email. Daum prüfte alle Anfragen und änderte oder löschte gegebenenfalls Inhalte in den Online-Auftritten. “Sobald eine Abwesenheitsnotiz von mir kam, die Täter also wussten, dass ich nicht im Haus war, kamen besonders viele dieser Emails, die dann meine Kollegen bearbeiten mussten. Das war reine Zermürbungstaktik”, sagt sie.

Am 18. Mai diesen Jahres dann der Supergau. Die Internetseite wurde so stark mit Anfragen beschossen, dass sie zusammen brach und vom Verlag aus wirtschaftlichen Gründen abgeschaltet werden musste. Die Angriffe wurden erst nach zwei Wochen weniger. Daran, die Seite wieder online zu stellen, ist momentan jedoch nicht zu denken. “Wir haben natürlich Strafanzeige gegen die Blog-Einträge gestellt, aber der Blog ist anonym und der Täter sitzt im Ausland”, sagt Daum. Auch die Attacken auf die Internetseite zurückzuverfolgen ist sehr schwer, Beweise zu finden, die vor Gericht auch Bestand haben fast unmöglich.

Andreas Becker ist Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung in Uelzen. Seiner Redaktion wurde auf wesentlich weniger subtile Weise gedroht. Es fing an mit zwei Prozessen gegen die Douglas-Bande, eine Reihe jugendlicher Clans mit zum Teil osteuropäischem Hintergrund. Die Anklagen gegen sechs der Jugendlichen lauteten versuchter Totschlag und räuberische Erpressung, die Allgemeine Zeitung berichtete. Es dauerte nicht lange, da fingen die Familienangehörigen der Angeklagten an, die Redaktion zu bedrohen. “Wir wissen wo du wohnst!” und “Das wird der letzte Bericht den du schreibst, wir schlachten dich ab, du Schwein!”, riefen sie, während sie die die Redakteure beim Gang zum Gericht verfolgten. In der Redaktion gingen mehrere Drohanrufe und Faxe mit der Androhung körperlicher Gewalt ein.

“Wir haben zunächst versucht, das mit uns selbst auszumachen”, sagt Becker. Später sind sie dann zur Polizei gegangen, wo der Fall vom Polizeipräsidenten als “südeuropäische Temperamentsausbrüche” abgestempelt und ad acta gelegt wurde. “Wir haben unser Problem dann öffentlich gemacht, und das löste eine Lawine aus”, erzählt Becker. Plötzlich herrschte ein überregionales Interesse an dem Fall der Allgemeinen Zeitung, es gab mehrere Fernsehbeiträge, unter anderem vom NDR.

Im Falle der Allgemeinen Zeitung war der Gang an die Öffentlichkeit das einzige Richtige. Trotzdem stellt sich für jeden Journalisten weiterhin die Frage, wie man mit derlei Drohungen umgeht. Für Andreas Becker war von vornherein klar, “wir weichen da keinen Millimeter zurück”, die Berichterstattung sollte weitergehen. “Das ist kein Beruf, bei dem  man um 16.30 Uhr den Griffel fallen lässt und nach Hause geht. Wenn wir in einem Land, wo so viel geschwiegen wird auch noch schweigen, dann haben wir verloren”

 

Kommentieren

Suche


Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.