Mit Phantasie zur perfekten Story

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Ein sicherer Weg zur Story – gerade für freie Reporter ist das ein großes Versprechen. Es stammt von dem niederländischen Journalisten und Recherchetrainer Luuk Sengers. Die Methode, die zu diesem Erfolg führt, nennt er „Story based inquiry“, also Nachforschungen, die auf einer Geschichte basieren.

„Viele junge Journalisten fragen sich, wo sie bei der Recherche ansetzen sollen“, sagt Sengers. Aber auch erfahrene Journalisten sollten sich ihrer Recherchemethoden bewusst werden. Allen könne die „Story based inquiry“ helfen, ihre Recherchen effizienter zu gestalten.

Von der Idee zur These

An den Anfang der Recherche stellt Sengers die Vorstellungskraft. Bevor die Recherche beginnt, solle der Journalist schon einen möglichen Verlauf und ein Ende der Geschichte im Kopf haben.

Aus dieser Idee von einem Geschichtsverlauf solle der Journalist eine Hypothese entwickeln. Diese solle nicht im Gespräch mit Experten entstehen, sagt Sengers: „Man folgt sonst der Theorie, die diese Quelle liefert.“ Das mache den Journalisten blind für eigene Fragestellungen.

Damit der Journalist seine These entwickeln könne, solle er sich etwa 30 Fragen zum Thema überlegen, zum Beispiel in einem Brainstorming mit Freunden oder Kollegen. Aus diesen Fragen lasse sich dann eine Schlüsselfrage herausfiltern.

Ein Beispiel aus Sengers eigener Praxis: Ausgangspunkt für die Recherchen war der Hinweis eines Wissenschaftlers gewesen, dass in Wasserleitungen aus Kunststoff schädliche Chemikalien enthalten seien. Sengers’ Schlüsselfrage: „Sind die Chemikalien tatsächlich gefährlich?“ Die daraus resultierende These lautete: „Wasserrohre geben gefährliche Chemikalien an das Trinkwasser ab.“

Sengers empfiehlt, nun die These zu verfeinern, indem man sich Fragen stelle wie: Wer ist verantwortlich? Was macht derjenige? Und was weiß man schon über das Thema?

Von der These zur Zeitleiste

Im nächsten Schritt sollte der Journalist mögliche Beteiligte sowie deren Rolle in der Geschichte auflisten, schließlich die Hypothese sowie die Beteiligten in einer Zeitleiste zusammenfassen. Sengers legt nahe, dass diese mögliche Ereignisse aus der Vergangenheit ebenso wie das, was in Zukunft passieren könnte, enthalten sollte. Im Beispiel hätte das so aussehen können:

  • Die Hersteller der Rohre stellen fest, dass Kunststoffrohre billiger sind.
  • Die Hersteller kaufen Chemikalien ein
  • Wissenschaftler untersuchen die Rohre
  • Biologen weisen die Schädlichkeit des Kunststoffs nach

Ab diesem Zeitpunkt habe der Journalist eine (hypothetische) Geschichte, die er seinem Chefredakteur verkaufen könne, sagt Sengers.

Eine Tabelle für Beteiligte und Dokumente

Die Faktenrecherche funktioniere schließlich über Personen und Dokumente, sagt Sengers. Er empfiehlt, dazu eine Tabelle aufzustellen. Auf der vertikalen Achse werden Hauptfiguren, Opfer und Profiteure sowie Zeugen eingetragen. Die Querachse ist aufgeteilt in Zeitabschnitte: vor dem Hauptereignis, währenddessen, danach.

In der „Story based inquiry“ folgt darauf die eigentliche Arbeit mit den Quellen. Sengers’ Tipp: Zuerst die einfach erreichbaren Quellen kontaktieren. Für den Fall, dass die die Geschichte schon am Anfang platze, habe man noch nicht so viel Zeit investiert.

Aber ein Scheitern der Geschichte gibt es für Sengers nicht: „Wenn die Recherche in eine unerwartete Richtung führt, macht das die Geschichte nicht kaputt. Darauf haben Sie mein Wort“, sagt er. Die Recherche lasse sich jederzeit an neue Entwicklungen anpassen. Selbst wenn die Geschichte sich am Ende nicht als plausibel herausstellt, könne der Journalist noch einen Teil des Themas verkaufen. Auch das erläutert Sengers am Beispiel der Wasserrohre. „Wenn gar nichts anderes geklappt hätte, hätte ich einfach ein Interview mit dem Wissenschaftler gemacht.“

Die Homepage von Story Based Inquiry mit Gratisdownload des Buches: http://www.storybasedinquiry.com/

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.