Nazis im Visier

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Andreas Speit über Recherchen im rechtsradikalen Milieu und wie man schon mit kleinen Kolumnen eine große Wirkung erzielen kann

Die schlechte Nachricht von Moderatorin Angelika Henkel: Andrea Röpke könne aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Veranstaltung teilnehmen. Die gute: Auch Andreas Speit schreibt seit über 20 Jahren über die rechte Szene und kann als Fachjournalist und Buchautor kompetent über Recherchen im rechtsradikalen Milieu informieren.

Zum Journalismus fand Speit in den Achtzigern über den Umweg der Behindertenarbeit, in deren Zuge er sich mit Eugenik im Nationalsozialismus beschäftigte. Die Feststellung, dass nicht nur überzeugte Nazis an der „Rassenhygiene“ mitwirkten, sondern etwa auch Esoteriker, brachte ihn zu seinen ersten Recherchen, die bei der „taz“ Anklang fanden. Seit sieben Jahren ist Speit in der tageszeitung mit einer wöchentlichen Kolumne vertreten, die er im Erzählcafé als Ausgangspunkt für einen Einblick in seine Recherchearbeit nutzt.

Obwohl es nur um 1800 Zeichen geht, recherchiere er pro Kolumne allein drei Themen an. Seine Recherche spiele sich dabei zunächst am Schreibtisch ab: Er werte aus, was die Szene über sich selbst berichte, das bringe ihn dann auf Personen und Zusammenhänge. Zur häufig vorgebrachten Kritik, Journalisten redeten zu selten direkt mit Nazis, sagt er, dass viele das Gespräch verweigerten. Diejenigen hingegen, die reden wollen, hätten zumeist ein ideologisches Vermittlungsinteresse. Die Nazis seien professioneller geworden, warnt Speit, entlarven sich nicht selbst und könnten heikle Themen teils gut umschiffen.

Mit der regelmäßigen Kolumne bezwecke die taz, sich die Themen nicht von den Rechten diktieren zu lassen und nur zu reagieren, sondern über den alltäglichen schleichenden Rassismus zu berichten, sagt Speit. So schreibt er in ihr bis heute über kleinteiligere Themen, „die nicht den gängigen Redaktionsschemata entsprechen“. Dafür arbeitet er sich an den journalistischen W-Fragen ab und erläutert etwa, „Wie die örtliche Polizei mit einem Überfall in Wunstorf umgeht“, „Warum eine Studie zu rechten Tendenzen in Kiel nicht erscheint“ und „Was ein gesuchter Schweizer Neonazi in Hamburg wollte“ .

Zu den Konjunkturthemen, wie der Berichterstattung zur NSU und NPD, fordert Speit im Erzählcafé die Medien zur verstärkten Eigenrecherche auf, beziehungsweise einfach: zum Denken. Zwar seien in Bezug auf die NSU viele Details aus den Ermittlungen bekannt, aber warum frage niemand, weshalb sich die Behörden so verhalten haben? Und wie habe es passieren können, dass Kameradschaften als desorientierte Jugendliche anstatt als organisierte Gruppen eingestuft wurden? Bei Berichten zur NPD sei ihm hingegen aufgefallen, dass viele Medien wegen fehlerhafte Rechenschaftsberichte über eine mögliche Pleite und damit ein baldiges Ende der NPD spekulierten. Ein Anruf bei der Bundestagsverwaltung stelle aber klar, dass Parteien gar nicht einfach pleitegehen könnten.

Die Fragen aus dem Publikum verdeutlichen, dass die Vorstellung von der Arbeit eines Fachjournalisten zum rechten Milieu von deren potentieller Gefährlichkeit geprägt ist. Dabei ging es um verdeckte Recherchen, das Gewaltpotential und Steckbriefen zur Einschüchterung. Laut Speit sind Journalisten aber weniger gefährdet als etwa Punks oder Migranten, und von der Drohgebärde der Adressveröffentlichung sei, wer nur ab und an berichte, nicht betroffen. Erst durch das kontinuierliche Recherchieren würde man Strukturen erkennen, was einem die Nazis übel nähmen. Da hätten auch schon Informationen, die er in seinen kleinen Kolumnen veröffentlicht, manch Nazi nachhaltig geschadet.

Das ist zum Abschluss doch noch mal eine gute Nachricht.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.