Nerd meets Dino

Freitag, 1. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Welche Chancen bietet der Datenjournalismus? Welche Gefahren lauern im Internet? War früher, als Journalisten noch zum Telefonhörer griffen statt zu googeln, alles besser? Im mit mehr als 30 Teilnehmern fast gefüllten Raum K7 diskutierten am Freitag ab 15:45 Uhr Lorenz Matzat und Gert Monheim über die Möglichkeiten und Tücken neuer Technologien. Gert Monheim arbeitete mehrere Jahre als Reporter beim WDR und gründete die Sendereihe „die story“, die politische Dokumentationen realisiert, zum Teil auch investigativ. Er recherchiert meistens offline. Der Berliner Lorenz Matzat betreibt die Datenjournalismus-Agentur OpenDataCity und bloggt unter datenjournalist.de. Er ist – außer wenn er schläft – immer online. Moderiert wurde das Streitgespräch zwischen „Dino und Nerd“ von Alexander Richter, Redakteur bei tagesschau.de.

Viele würden glauben, die Recherche habe erst mit dem Computer begonnen, sagte Monheim. Er selbst habe früher keinen Computer besessen und trotzdem recherchiert. Monheim sieht eine Gefahr vor allem in der Verherrlichung des Internets. Der Datenjournalismus hat für ihn zwar seine Berechtigung, dürfe aber nur ein „Stück vom Kuchen“ sein. Natürlich sei es absurd zu sagen, Recherche habe es vor dem PC nicht gegeben, pflichtete Matzat ihm bei, das Internet sei ja auch nur ein Werkzeug. Die Behauptung, der journalistische Nachwuchs besitze nicht mehr die nötigen journalistischen Tugenden, hält Matzat für unbelegt. „Sie passt in das Weltbild, dass früher alles besser war und das Internet bedrohlich ist.“ Monheim, der auch Film-Studierende in Recherche unterrichtet, hält das Internet für gefährlich, weil es die jungen Menschen davon abhalte, mit Hilfe des Telefons zu recherchieren. Er hat in seinen Seminaren die Erfahrung gemacht, dass die Studierenden nur noch googeln. Eine Studentin habe sogar zugegeben, dass sie Angst vor dem Telefonieren hat. Monheim: „Dabei ist doch gerade die soziale Kompetenz wichtig für unseren Beruf.“

Der Datenjournalist Matzat äußerte die Ansicht, dass der Widerspruch an sich in der Gesellschaft keine Konjunktur hat. Bei der Finanzkrise etwa hätten die Journalisten nur „Lügen geglaubt und verbreitet“. Kritische Positionen zu Hedgefonds seien in den großen Medien nicht vertreten gewesen. „Da haben wir versagt.“ Von wem sollten junge Menschen also eine kritische Sicht lernen, fragte Matzat. Ein Teilnehmer wies darauf hin, dass das Internet eine „schnelle und leichte Belohnung“ biete – ein Wort bei Google liefere Tausende Ergebnisse.

Bei Datenjournalismus-Projekten wie dem Zugmonitor der Süddeutschen Zeitung (http://zugmonitor.sueddeutsche.de), das Verspätungen der Bahn in Echtzeit sichtbar macht, müsse man sich immer fragen: Was bringt das Projekt journalistisch und was bringt es dem Leser? Was es bringe, könne man sich bei 90 Prozent aller Medienangebote fragen, erwiderte Matzat. Er findet es wichtig, Daten als Ressource zu begreifen. Das Zugmonitor-Projekt habe mit klassischem Journalismus wenig zu tun, es diene dazu, individualisierte Informationen zu liefern, die für den Einzelnen nützlich sind.

Der Redakteur, stellte Matzat fest, habe ein Problem damit, seine Funktion als Gatekeeper zu verlieren. Er dagegen sehe es positiv: „Die Leute können sich selbstbestimmt informieren.“ Die Zukunft des Journalismus allerdings malte er eher in düsteren Farben – die Profession werde an Bedeutung verlieren und ihre Zahl in den nächsten Jahren abnehmen. „Journalismus ist für viele nicht mehr so wichtig.“ Es sei jedoch eine wichtige Funktion des Journalismus, Meinungen zu äußern, entgegnete ein Teilnehmer. Über das Internet könne der Leser „ins Boot geholt“ werden, sagte ein anderer. Monheim sprach sich dafür aus, das Internet im Rahmen des Möglichen zu benutzen, es aber nicht über alles zu setzen. Die Frage nach Chancen und Risiken stelle sich bei jeder neuen Technologie, sagte Matzat. Der Journalismus solle sich nicht zu wichtig nehmen.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.