On the Harley to Hell

Samstag, 2. Juni 2012
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Verratene Razzien, zwielichtige Kronzeugen, widersprüchliche Medienberichte – Wie gefährlich sind die Rocker wirklich? – Und wie gefährlich ist es, über sie zu berichten?

Gespräch mit Gita Ekberg (Autorin “Die Macht der Rocker” und “Die neue Macht der Rocker”) und Christine Kröger (Chefreporterin des Weser-Kurier und Trägerin des Henri-Nannen-Preis in der Kathegorie “Investigation”)

Stefan Schölermann: Vor dem Kieler Landgericht wurde der Präsident der Hells Angels Hannover, Frank Hanebuth, von Steffen R., dem ehemaligen Präsidenten der Legion 81, beschuldigt, einen Mordauftrag gebilligt zu haben. Die Legion 81 gehört quasi zum Fußvolk der Hells Angels, die ein sehr geschlossener Kreis sind. Denken Sie die Aussagen von Steffen R. sind glaubhaft?

Christine Kröger: Nach einem Gespräch mit Herrn von Fromberg, dem Anwalt von Hanebuth, sind wir beide zu dem Schluss gekommen, dass es absolut unglaubwürdig ist, dass der Kronzeuge von einem Mordauftrag weiß.

Schölermann: Steffen R. steht selbst unter Anklage und hat der Polizei einen Tipp gegeben, wo sie nach der einbetonierten Leiche suchen soll. Wollte er sich vielleicht einfach einen schlanken Fuß machen?

Gita Ekberg: Es herrscht eine große Unsicherheit darüber, was an Steffen R.s Aussage dran ist. Wird die Leiche nicht gefunden, wird sich Hanebuth auch sehr schnell wieder erholen.

Schölermann: Warum gilt Frank Hanebuth als mächtigster Hells Angel?

Ekberg: Er ist Chef des größten Charters in Deutschland. Es hat 56 Mitglieder, auf die Hanebuth 100-prozentig zählen kann. Und wenn die Medien berichten “hier liegt ein Toter und da liegt ein Toter” hat das natürlich auch eine bestimmte Wirkung.

Schölermann: Am Mittwoch gab es eine Razzia gegen die Hells Angels in Berlin, bei der im Vorfeld scheinbar Informationen durchgesickert sind. Woran liegt das? Und woher kommt die scheinbare Akzeptanz gegenüber der Hells Angels – bisher schien in Berlin ein Gentleman’s Agreement zwischen Behörden und Rockern zu herrschen.

Kröger: Die Hells Angels machen eine wirklich sehr gute Öffentlichkeitsarbeit und wirken damit sehr anziehend – auch für Polizisten. Das muss man sagen, das machen sie wirklich sehr professionell. Sie haben sehr gute Kontakte. Die Akzeptanz ist auf ein Versäumnis der Ermittlungsbehörden zurückzuführen – sie haben sie zu lange gewähren lassen. Außerdem waren die Medien sehr lange sehr unkritisch.

Schölermann: Wie recherchiert man in diesem Bereich richtig?

Ekberg: hingehen und fragen, mit jedem reden den man trifft und sich selbst ein Bild machen. Da gibt es keine Zauberformel.

Schölermann: Gab es bereits Druck- oder Einflussversuche?

Kröger: Ich hatte schon mehrere Male ein paar Harleys vor meiner Wohnung stehen, bei denen die Fahrer ewig brauchten um sie richtig zu parken und aufzustellen. Dann gingen sie kurz weg und kamen wieder, weil sie wieder etwas an ihren Maschinen werkeln mussten…..es gab aber nie etwas Justiziables. Einmal hat Hanebuth gesagt ich soll nicht so viel Scheiße über ihn ausschütten. Da fragte ich ihn, ob das eine Drohung sei und er meinte ‘nein, ein Versprechen’. Wenn ich damit zur Polizei ginge – die würden mich auslachen.

Ekberg: Sie drohen natürlich Hausbesuche an – die sie dann aber nie machen. Aber jedes Verfahren, das Journalisten anstrengen und die darauf folgende Berichterstattung durch die Medien schadet ihren Geschäften. Es geht nur ums Geld.

Schölermann: Was passiert mit der Kohle? Bei der Razzia in Kiel wurden 31.000 Euro in Bar gefunden.

Kröger: Sie investieren in Firmen oder Immobilien. Risikolos und seriös über Dritte.

Schölermann: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Rocker und Rechts?

Ekberg: Die haben politisch alle längst abgeschworen.

Schölermann: Zum Schluss: Können wir nicht oder wollen wir nicht?

Ekberg: Ich bin seit den 80ern an den Rockern dran, aber es hat sich nie jemand dafür interessiert. Erst als der Rockerkrieg kam und die ersten Menschen starben, haben sie gesagt “Ja, das wollen wir haben!”

 

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.