Rechtsextremismus und Medien – wenn die Recherche ausbleibt

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Für die Podiums-Diskussion war es der perfekte Aufmacher:
Seit Tagen berichten Hamburgs Medien von der am Sonnabend geplanten Nazi-Demo. Spätestens seit der Zwickauer Terrorzelle ist „rechts“ bei den Medien wieder oben auf der Agenda. Doch wie viel sollen Medien berichten, wo liegt die Grenze zur ungewollten Propaganda? Diese und weitere Fragen wollte Kuno Haberbusch mit seinen Gästen diskutieren.

„Die Rechtsradikalen sind gut darin, ihre Aktionen so zu steuern, dass sie in den Medien ihren Niederschlag finden“, stellte NDR-Info-Journalist Stefan Schölermann ganz zu Anfang der Diskussion fest. „Sie entwickeln Szenarien, die mit der eigentlichen Bedrohung nichts mehr zu tun haben. Davon sollten wir Medien uns nicht an der Nase herumführen lassen“, plädierte der Journalist.

Ganz anders der Fall der Zwickauer Terrorzelle. Manfred Murck, Präsident des Verfassungsschutzes Hamburg, hatte sich in die „Höhle des Löwen“ begeben, um mit den anwesenden Journalisten über das Thema zu diskutieren. Die Arbeit seiner Behörde sei ohne Zweifel ein „Debakel“ gewesen, aber auch für die Journalisten fand er kritische Worte: „Wir alle haben auf die falschen Täter gesetzt. Auch die Medien müssen ein Stück weit Selbstreflexion betreiben.“ Dies sah auch SZ-Journalist Hans Leyendecker so. Dennoch ließ er es sich nicht nehmen, seiner Wut über die Arbeit des Verfassungsschutzes freien Lauf zu lassen. „Die Dummheit, Frechheit und das Desinteresse des Verfassungsschutzes und des Landeskriminalamtes waren katastrophal. Wie können Beamte so arbeiten?“, kritisierte der Journalist.

Moderator Haberbusch lenkte das Gespräch auf den täglichen Umgang der Journalisten mit dem Thema Rechtsradikalismus. „Wie oft rufen Sie den Verfassungsschutz an, um an Informationen zu gelangen?“, fragte er Andrea Röpke. „Nur, wenn die Redaktionen es von mir verlangen. Erfolgreich ist ein solches Telefonat in den wenigsten Fällen, das letzte Mal hat Herr Murck einfach aufgelegt.“

Im Bezug auf die Frage, ob nach dem NSU-Fall in den Redaktionen vermehrt Recherche im rechtsradikalen Raum betrieben würde, waren die Meinungen gespalten. Schölermann sah einen eindeutigen Anstieg an Experten innerhalb der Redaktionen. Hans Leyendecker war da anderer Meinung. „Auch bei den großen Medien hat sich nicht viel verändert. Entweder ein Thema ist Mode und es wird kurzfristig mehr recherchiert – oder es gerät in der Hintergrund.“

Zum Abschluss der Diskussionsrunde sollten die Gäste ihre Wünsche für die Zukunft äußern. „Ich hoffe, dass Redaktionen wieder mehr Geld für Recherche ausgeben und sich kontinuierlich mit diesen wichtigen Themen beschäftigen“, erklärte Röpke. Manfred Murck bat in seinem letzten Plädoyer für Verständnis für seine Arbeit. „Wir vom Verfassungsschutz haben ein riesiges Spektrum an Themen. Man kann nicht in jedem Thema gleich tief drin sein. Rechtsextremismus ist für uns eben nur ein Thema von vielen.“

 [Text aus "nestbeschmutzer" 1/2012]

 

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.