Wie man der Sorgfaltspflicht genügt

Freitag, 1. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Eine knappe Stunde stellte sich NDR-Justitiar Klaus Siekmann den Fragen des Publikums zum Thema Sorgfaltspflicht im Journalismus. Moderator Gert Monheim, selbst ehemaliger WDR-Redakteur, eröffnete die Diskussion mit der Problematik um geforderte Gegendarstellungen. Die Zahl dieser Forderungen ist laut Siekmann in letzter Zeit gesunken. “Immer öfter müssen Fachanwälte eingreifen, wenn es um das Thema Presserecht geht. Das könnte ein Grund dafür sein, dass die Gegendarstellungen seltener werden.“ Allerdings tauchen Anwaltsschreiben immer früher auf, teilweise schon während der Recherche zu einem Beitrag, so der Justitiar. “Das ist vor allem bei der Verdachts-Berichterstattung der Fall.“ Dem kann der Autor aber vorbeugen, in dem er der Gegenseite im Vorhinein nicht sagt, was wirklich gesendet werden soll. Einem Gesprächspartner muss aber immer die Chance gegeben werden, auf Vorwürfe zu reagieren und sie zu bewerten, riet Siekmann. Den Zuhörern gab Siekmann den Tipp, stets einen schriftlichen Nachweis über die Recherche zu führen. Schriftlich heißt in diesem Fall aufgeschrieben und mit Datum versehen. Das ist in einem möglichen Prozess als Beweis für korrektes Vorgehen unerlässlich. “Hier zählt die lückenlose Dokumentation der Recherche!“, betonte er. Aus dem Publikum kam die Frage, ob Gesprächspartner ein Recht darauf haben, einzelne Zitate in Fließtexten vor der Veröffentlichung – genau wie Interviews – autorisieren zu dürfen. “Das hängt davon ab, was üblich ist“, sagte Siekmann. “Mir ist die Autorisierung nur für Interviews bekannt. Außerdem muss dem Gesprächspartner im  Vorhinein klar sein, dass alles, was er sagt, in einem Beitrag veröffentlicht werden kann.“ Was nicht vereinbart war, muss auch nicht eingehalten werden. Bei Privatpersonen hängt das aber immer vom Einzelfall ab. “Wir als Journalisten müssen  manchmal Menschen vor sich selbst schützen. Zum Beispiel, wenn sich jemand in einem Interview selbst zu einer Straftat bekennt.“ Ein Interview gilt allerdings immer auch als ein mündlicher Vertrag. “Wer bei einer Formulierung nicht sicher ist, sollte einen Juristen einschalten, um Probleme im Vorhinein zu erkennen.“ Für spätere Einwände gegen die Veröffentlichung muss es besondere Gründe geben. Manchmal ist das öffentliche Interesse an einem Beitrag aber so groß, dass der Autor das Risiko eines Rechtsstreits eingehen muss. Auch die Nennung des vollständigen Namens einer Privatperson muss der Autor abwägen. „Man hat oft gar keine Vorstellung davon, wo ein Text überall auftaucht, wenn er einmal ins Internet gestellt wurde. Ich hatte mal einen Fall, da hat eine Frau keinen Job mehr gefunden, weil ihr Name immer mit einer bestimmten Geschichte in Verbindung gebracht wurde“, erinnerte sich Siekmann. Deshalb schloss er die Diskussion mit einem  Hinweis auf die besondere Sorgfaltspflicht von Journalisten im Umgang mit Medien-unerfahrenen Personen.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.