Undercover: Tipps zur spurenlosen Onlinerecherche

Freitag, 1. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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„Journalisten geben sich grundsätzlich zu erkennen“, zitiert Boris Kartheuser gleich zu Beginn des Workshops den Pressekodex und betont damit einen der Grundsätze der Recherche. Der Titel der Veranstaltung, „Undercover Online – Verdeckte Recherchen in sozialen Netzwerken“, lässt jedoch darauf schließen, dass es auch anders geht. Und so heißt es im Kodex, ebenso wie in der Einleitung von Boris Kartheuser: „Verdeckte Recherche ist im Einzelfall gerechtfertigt, wenn damit Informationen von besonderem öffentlichen Interesse beschafft werden, die auf andere Weise nicht zugänglich sind.“ Möchte also ein Gesprächspartner nach einer persönlichen Anfrage keine Informationen herausgeben, kann unter Umständen eine anonyme Recherche weiter helfen. Die verschiedenen Möglichkeiten, sich verdeckt Informationen zu beschaffen, wurden im Recherche-Workshop lebhaft diskutiert.

Keine Spuren hinterlassen

Wer sich im Netz bewegt, hinterlässt seine IP-Adresse wie Fußspuren im Sand. Jeder Klick, jede URL-Eingabe, die eigene IP-Nummer wird mitgeschickt und ermöglicht Rückschlüsse auf die eigene Identität. Um das zu umgehen, kann der Zugang übers Internet-Café oder einen mobilen Surfstick die Lösung sein. Bekommt der Journalist von seiner Kontaktperson eine Datei zugeschickt, sollte er diese jedoch besser erst öffnen, wenn er bereits offline ist. Denn damit kann die IP nicht mehr nachverfolgt werden.

Anonym telefonieren

Um mit der Kontaktperson in Verbindung zu treten, kann ein eigens zu dieser Recherche angeschafftes Handy genutzt werden. Weder das Telefon noch die Simkarte sollten jedoch zum Journalisten zurückverfolgbar sein. An dieser Stelle hilft es, sich ein gebrauchtes Handy und eine Prepaid-Karte zu kaufen. Bei der Registrierung der Simkarte ist etwas Kreativität bei den Feldern ‚Name’ und ‚Anschrift’ gefragt. Statt zur Kreditkarte zu greifen, sollte beim Aufladen des Guthabens dann auch lieber die anonyme Paysafecard vom Kiosk genutzt werden. Alternativ gibt es mittlerweile auch Prepaid-Visakarten an Tankstellen zu kaufen. Mit einem Guthaben von 100 Euro kann diese auch für andere Zwecke während der verdeckten Recherche genutzt werden. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte der Undercover-Journalist das Recherche-Handy nicht mit dem eigenen Handy zusammen bei sich tragen. Die über die Funkwellen zu ermittelnden dauerhaft identischen Standorte könnten verräterisch sein.

„Hallo, hier ist ehm.. wie war mein Name noch gleich?!“

Auch wenn dem Redakteur bei seiner verdeckten Recherche eine Menge Kreativität abverlangt wird, bei der Wahl des Pseudonyms sollte sie ihre Grenzen finden. Denn wenn die Kontaktperson misstrauisch geworden ist, ist es schwieriger einen ‚Hans Müller’ als einen ‚Rodriguez Michelle Münchhausen’ in den weiten des Internets ausfindig zu machen. Ganz wichtig: diesen Namen unbedingt sehr gut einprägen und zusätzlich aufs Handy schreiben. Sich am Telefon erst mit seinem richtigen Namen zu melden, um dann dem Gesprächspartner zu erklären, dass man sich eigentlich nur versprochen hat, gestaltet die Undercover-Aktion schwierig.

Ein Profil erstellen

Xing (www.xing.com) gilt als das seriöse Netzwerk, in dem man geschäftliche Kontakte knüpft. Hier sollte sich der Journalist also als allererstes einen gefälschten, zeitlich begrenzten Premium-Account erstellen. Bei der Wahl des Profilfotos steht zunächst die Frage, ob man die Kontaktperson später persönlich treffen möchte. Wenn ja, sollte natürlich ein eigenes Foto verwendet werden. Ansonsten eignet sich ein fremdes, lizenzfreies Foto. Dabei gilt: Lieber ein Bild bei z.B. Pixelio (www.pixelio.de) oder Stock.Xchng (www.sxc.hu) kaufen, statt ein kostenloses Foto aus dem Internet herunterladen. Es könnte nämlich gut sein, dass auch schon andere auf die Idee kamen, das kostenfreie Bild für sich zu nutzen.

Und so kann das Fake-Profil in wenigen Schritten aufgebaut werden:
1. Das Profil mit Pseudonym und gegebenenfalls falschem Foto anlegen
2. Die eigene Seite mit ein paar wenigen, aber für die Kontaktperson interessanten Informationen, Tätigkeitsfeldern und Gruppen füllen
3. Nach und nach immer mehr Kontakte im Umfeld der Zielperson zum eigenen Netzwerk hinzufügen, um so immer engeren Kontakt zur Person zu suggerieren

Zusätzlich können Profile bei Facebook, LinkedIn und Twitter sowie eine eigene Internetseite die Glaubwürdigkeit verstärken. Bei der persönlichen Homepage ist jedoch darauf zu achten, dass es in Deutschland eine Impressumspflicht gibt, in der keine Pseudonyme genutzt werden dürfen.
In der verdeckten Recherche gibt es also immer auch rechtliche Grenzen, die der ermittelnde Journalist einhalten muss. Am Anfang steht daher immer erst die Frage, ob die Informationen nicht auch auf direktem Weg zu beschaffen sind. Denn auch wenn ein Undercover-Einsatz spannend sein mag, ist eine konstant verdeckte Recherche nicht mit den journalistischen Grundsätzen zu vereinbaren und führt verstärkt zum Misstrauen in der Bevölkerung.

Mehr Informationen zum Thema finden Sie auf der Homepage von Boris Kartheuser unter www.investigativerecherche.de

Kommentare

  1. | DerKaperbrief reloaded 2014 ::DigiClub der Ahnungsvollen online? 2012: Das Netzwerk Recherche (nr) geht mit der Zeit… | Der Kaperbrief :: Medien Wissenschaft Kultur und mehr… :: schreibt:

    10. Januar 2014 um 22:39(#)

    [...] zwar eine schönere  Optik, aber keineswegs Klarheit. Interessant scheint immerhin das Thema Undercover: Tipps zur spurenlosen Onlinerecherche zu sein und tatsächlich gibt es hier – neben der Frage nach der Legitimität anonymer [...]

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.