Vertrauen ist wichtig, Kontrolle ist besser.

Freitag, 1. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Auch wenn die Veranstaltung, auf der sie am Freitagnachmittag diskutierten „Trau mir, ich kenn den Hashtag!“ hieß: Die drei Referenten Daniel Bouhs, Frederic Huwendiek und Michael Wegener waren sich einig, dass Vertrauen im Umgang mit Social-Media Quellen wichtig ist, Kontrolle aber unerlässlich.  Bei Filmen oder Videos, die ihren Redaktionen über soziale Netzwerke zugespielt werden, gelte dasselbe wie für analoge Medien: Ohne eine gründliche Recherche geht es nicht. „Was wir machen, ist nichts Neues“, sagte Wegener, Leiter des Content Center bei ARD aktuell. „Der Unterschied sind die technischen Werkzeuge, mit denen wir umgehen müssen“, ergänzte Bouhs, Leiter der Redaktion Netzwelten bei der DAPD. Über die Grundsätze ihrer Arbeit, waren sich alle drei Referenten einig, die Arbeitsvorgänge in ihren Redaktionen sind jedoch unterschiedlich strukturiert.

Die DAPD habe sich ihr Modell bei der Rhein-Zeitung abgeguckt, wie Daniel Bouhs zugab. Die Nachrichtenagentur beschäftigt ihn und eine Kollegin am „Netzwerk Desk“, der seinen Platz neben den anderen Kolleginnen und Kollegen am Newsdesk hat.  Sie werten neben Nachrichtenportalen und Fachblogs auch die sozialen Netzwerke aus. Bouhs: „Wir sind das Online-Radar der Nachrichtenagentur.“ Dabei suchen er und seine Kollegin vor allem nach Rechercheimpulsen. Stoßen sie auf einen interessanten Hinweis, setzen sie die Recherche bei offiziellen Stellen oder Korrespondenten fort.  Vor allem bei Großereignissen wie Castor-Transporten sei die Beobachtung der sozialen Netzwerke nützlich und hilfreich, so Bouhs. Durch die Tweets und Posts könne man zum Beispiel genauer erfahren, wo der Transport gerade rolle oder wo Berichtenswertes stattfinde. Zu Castor- oder in anderen Hochzeiten  wird ein zusätzlicher Platz am Netzwerk-Desk geschaffen.

Vier Prüfschritte

Solch eine bedarfsabhängige Planung gibt es ARD aktuell nicht. Im Content Center der Redaktion sitzt eine Kraft, die sich ausschließlich um die Auslese der sozialen Netzwerke kümmert. „Sie beschäftigen dafür wirklich nur eine Person pro Schicht?“, fragte Moderator Bertram Weiß zweimal nach.  „Das ist ein Anfang“, räumte Michael Wegener ein. Das Content Center bestehe seit April vergangenen Jahres. Wegener: „Wir hätten früher damit anfangen sollen.“ Bilder und Videos aus sozialen Netzwerken werden bei der ARD in vier Schritten geprüft, die zum Teil parallel ablaufen, erklärte der Redaktionsleiter. Entlang der W-Fragen, unter Zuhilfenahme von Agenturen und Diensten wie Flickr, Street View oder Panoramio frage man sich: Zeigt das Video wirklich das, was in der Beschreibung steht? Ist das Video geschnitten? Stimmt die angegebene Uhrzeit mit der  Tageszeit überein? An zweiter Stelle stehe die Überprüfung der Quelle: Wie lange ist der Account schon online, was wurde bisher gepostet? „Irgendwann kennt man seine Pappenheimer“, sagte Wegener. Daraufhin werden die Bilder oder Videos von Experten wie Korrespondenten, Producern oder Cuttern im Land begutachtet, die sich mit der jeweiligen Sprache und der Kultur auskennen.  An letzter Stelle stehe die technische  Verifikation.

Einem Vier-Punkte-Plan folge man beim ZDF nicht, erklärte Frederic Huwendiek, Redakteur bei heute.de. Dort sei die Prüfung der Quellen aus sozialen Netzwerken flexibler und weniger institutionalisiert. Im Regelfall erfolge sie durch die Social-Media Redakteure in Deutschland und die Korrespondentenbüros vor Ort. Bei wichtigen Ereignissen oder Krisenfällen setze man mehr Personal ein. Die Fragen, die sich das ZDF bei der Verifizierung stellt, ähneln denen bei der ARD: Können Licht- und Wetterverhältnisse auf diesem Youtube-Video stimmen? Wird auf dem Video der richtige Dialekt gesprochen? Wie alt ist es?

Wissen der “Crowd” ist wichtig

Für alle Referenten wichtig ist das Wissen der „Crowd“, der Twitterer oder Facebook-User. Die Redaktionen posten Inhalte und hoffen auf Hinweise von Usern, die sich auskennen. „Guckt mal, das ist ein Video, was wir bekommen haben“, könnte einer der Posts oder Tweets über den Redaktions-Account lauten. Wegener räumte ein, dass vor allem spezielle Communities  wichtig seien. „Wir bauen gerade eine Liste von Skype-Kontakten in Syrien auf“, berichtete er. Vertrauen zu den Quellen sei auch hierbei eine der wichtigsten Vorrausetzungen. Wie bei der analogen Recherche.

Beim Arbeiten mit Social-Media-Quellen gibt es noch eine weitere Parallele zum klassischen journalistischen Alltag: Fehler passieren. So geschehen mit einem Video, das die heute.de-Redaktion im vergangenen Jahr von einem Korrespondenten aus dem iranischen Grenzgebiet bekommen hatte. Angeblich stammte es aus Syrien, erzählte Huwendiek. Tatsächlich kam es aus dem Irak. Die Redaktion habe es zwar durch Experten prüfen lassen, aber nicht im Netz verifiziert, ob das Video bereits existierte. Wegener riet daher: „In so einer Breaking-News-Situation sollten wir uns fragen: Brauchen wir das jetzt wirklich so schnell, oder sollten wir nicht lieber noch abwarten und weiter prüfen?“

Kommentare

  1. » How ARD, BBC and CNN verify social media content - Interview - Africa - DW.DE schreibt:

    1. September 2012 um 20:30(#)

    [...] in their work. For example, the German organization of regional public-service broadcasters ARD developed a verification checklist in April 2011 which is used by a journalist in the company’s Content [...]

  2. » ¿Es verdad lo que se dice en Twitter? Así verifican la BBC, la CNN y otros - Multimedia - America Latina - DW.DE schreibt:

    9. November 2012 um 11:47(#)

    [...] obstante, el primer canal de televisión pública alemán (ARD) cuenta desde abril de 2011 con un catálogo para la corroboración de la veracidad que un periodista se encarga de aplicar a diario. En él se definen cuatro pasos que a veces se dan [...]

  3. ¿Cómo verifican la veracidad del contenido que circula en Twitter los grandes medios de comunicación? | schreibt:

    16. Mai 2013 um 23:55(#)

    [...] obstante, el primer canal de televisión pública alemán (ARD) cuenta desde abril de 2011 con un catálogo para la corroboración de la veracidad que un periodista se encarga de aplicar a diario. En él se definen cuatro pasos que a veces se [...]

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.