Was macht eine gute Geschichte aus?

Freitag, 1. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Jana Simon, Reporterin bei der ZEIT, zeigte in ihrem Vortrag anhand von zwei noch nicht ganz perfekten Beispielen, was eine gute Reportage ausmacht. Zunächst muss man sich zunächst immer die Frage nach dem Thema stellen, betont Simon – worüber möchte man berichten, was ist berichtenswert. Wichtig ist dabei, dass man nicht einfach mal irgendwo hingeht und guckt, sondern sich schon vorher überlegt, was man wissen möchte. Dazu führt sie ein Beispiel aus der eigenen Erfahrung an: Sie wollte eine Geschichte über einen Toten schreiben. Zuerst fragte sie sich, was vom Leben bleibt. Dazu besuchte sie die Wohnung des Toten und beobachtete genau.

Ein Fehler, der auch in den Beispieltexten gemacht wurde, ist das Einbringen mehrerer Hauptfiguren. Jana Simon plädiert dafür, eine Geschichte wenn möglich nur anhand einer Hauptfigur zu erzählen. Wenn mehrere Figuren vorkommen, sollten sie unterschiedliche Positionen einnehmen. Besonders wichtig für eine gute Reportage ist Simon zufolge, dass man viel Zeit mit dem Protagonisten verbringt. Man sollte sich aber nicht im Café mit ihm treffen, sondern in seiner privaten Wohnung. Denn dort kann man viele kleine Details beobachten und mehr über die Person erfahren, als in einem Gespräch möglich wäre. In diesem Zusammenhang rät Simon, jede noch so kleine Beobachtung zu notieren. Auch deshalb, weil es selten möglich ist, den Text gleich nach dem Gespräch aufzuschreiben. Nach einigen Wochen hat man vor allem die Eindrücke, die man nebenbei gesammelt hatte, wieder vergessen.
Ihre eigenen Gespräche schreibt Jana Simon mit, lediglich bei juristisch schwierigen Fällen nimmt sie das Interview auf Tonband auf. Doch die Arbeitsweisen sind verschieden. Wer Gespräche nur aufnimmt und nichts mitschreibt, hat später allerdings die doppelte Arbeit, weil man sich alles noch mal anhören muss.

Als Reporter ist man immer sehr nahe an den jeweiligen Protagonisten dran. Da wird häufig die Frage gestellt, ob sie den Text vor Veröffentlichung lesen dürfen. Die Reporterin beantwortet diese Frage jedoch immer mit einem Nein. Das ist auch die allgemeine Regel der ZEIT. Wenn gewollt, schickt sie aber die wörtlichen Zitate, auch wenn das mehr Arbeit bedeutet und unter Zeitdruck oft schwierig ist.

Eine andere Frage ist häufig: „Bekomme ich dafür Geld?“ Jana Simon plädiert dafür, nicht für Informationen zu bezahlen. Geld bringt das Verhältnis zwischen Journalist und Gesprächspartner durcheinander. Zudem hat der Informant dadurch das Gefühl, er müsse etwas liefern, schließlich wird er dafür bezahlt, dann wird es schwierig die Informationen zu filtern.
Das Finden eines Protagonisten kann mitunter schwierig sein, erzählt Simon – vor allem weil sich einige nicht äußern möchten. Dann kann es hilfreich sein, darauf hinzuweisen, dass man eben auch die andere Seite zu Wort kommen lassen möchte. Besonders schwierig wird es, wenn Boulevard-Medien verbrannte Erde hinterlassen haben. Aber man muss eben auch mal an Türen klingeln, um eine gute Geschichte zu bekommen. Selbst für Jana Simon ist das immer wieder eine Überwindung. Das wichtigste ist ihrer Meinung nach, dass man jedem Gesprächspartner respektvoll gegenübertritt. Es gibt zwei Arten, ein Interview zu führen, sagt sie: provozierend und zuhörend. Beide führen zu einem Ergebnis, aber jeder hat seine Art. Sie selbst hört lieber zu.

Besonders wichtig für ein Porträt ist es, sich nicht nur mit dem Protagonisten zu unterhalten, sondern auch mit seinem Umfeld. Dabei kommt es mitunter auch vor, dass nicht alle, mit denen man gesprochen hat, im Artikel vorkommen. Diese Gespräche könnte aber als Hintergrundinformation einfließen. Allerdings kommen dann auch häufig enttäuschte Rückmeldungen von Gesprächspartnern, die sich viel Zeit dafür genommen haben. Denen versucht sie zu erklären, warum sie letztendlich doch nicht im Text vorkommen.

Wenn die Recherche abgeschlossen ist, geht es darum einen guten Einstieg zu finden. Der kann szenisch sein, muss aber nicht. Der Leser darf nur in den ersten Sätzen nicht verwirrt werden und muss Lust bekommen, weiter zu lesen. Man sollte immer mit dem Stärksten Teil der Geschichte anfangen. Zitate findet Simon weder für den Einstieg noch für den Schluss passend, das wirkt wie eine Notlösung.

Den Aufbau des Artikels überlegt sich Jana Simon vor dem Schreiben immer nur grob. Es gibt auch Journalisten, die bis zum letzten Absatz ganz genau wissen, wann sie welche Information und Figur in den Text einbringen. Für Simon ist das Geschmackssache. Wichtig ist aber, dass die sachlichen Informationen mit den Erzählteilen abgewechselt werden und ausgewogen sind. Mit zu viele Zahlen oder zu viel Informationen auf einmal verliert man den Leser. Ebenso wenig darf im letzten Drittel der Geschichte etwas ganz neues vorkommen, man darf dann beispielsweise keine neue Figur mehr einbringen. Hilfreich für eine gute Struktur ist es, die Geschichte vor dem Schreiben jemandem zu erzählen. Man merkt dann selbst, was die wichtigen Informationen sind. Wenn man Schwierigkeiten beim Erzählen der Geschichte hat, hat man meist auch Schwierigkeiten beim Schreiben. Das heißt, man sollte sich noch mal überlegen, was man besser machen kann.
Die Sprache sollte sich immer auch nach dem Thema richten. Generell ist aber wichtig, dass man keine abgedroschenen Phrasen benutzt. Redewendungen, die einem als erstes einfallen, sind meistens nicht gut, da sollte man noch mal überlegen. Genauso unpassend ist eine technokratische Sprache. Man darf auch nicht auf PR-Sprache reinfallen und muss immer kritisch nachfragen.

Der Schluss einer Reportage ist genauso wichtig, wie der Einstieg. Wenn einem kein guter Schluss einfällt, ist das meist ein Hinweis darauf, dass der Geschichte noch etwas fehlt. Dann muss man noch einmal überlegen, ob sich tatsächlich ein roter Faden durch die Reportage zieht.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.