Wie mache ich eine gute Reportage noch besser?

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Ein guter Reporter muss alles tun, um seinen Protagonisten nahe zu kommen – und dann, beim Schreiben, muss er es schaffen, sich von seinem Protagonisten wieder zu distanzieren. Das ist für Tanja Stelzer, Redakteurin bei der ZEIT, eine der Methoden, eine gute Reportage zu schreiben.

Ein szenischer Einstieg gehört laut Stelzer nicht zwingend dazu. Jedes Bild sollte eine Bedeutung haben, eine Geschichte erzählen und den Leser in die Reportage hineinziehen. Eine Aneinanderreihung von Beobachtungen sei nicht nötig. Anstelle eines szenischen Einstiegs sei es manchmal ratsamer, Fragen oder Zweifel aufzuwerfen, oder mit etwas zu beginnen, das überrascht, das nicht dem Klischee entspricht.

Bei der Wahl des Ortes, an dem die Reportage spielt, sollte der Leser an einen Ort entführt werden, den er nicht kennt oder an den er sonst nicht gelangt. „Öffnen Sie dem Leser Türen. Ein Schreibtisch ist langweilig, nicht aber beispielsweise das Büro von Angela Merkel“, sagt Stelzer.

Auch nach langjähriger Erfahrung als Journalistin stehen bei Stelzer am Anfang einer jeder Reportage Zweifel und der Gedanke: „Sollte ich doch lieber einen Essay schreiben oder Staubsaugen gehen?“ Recherche sei das A und O einer jeden Reportage, dennoch sei es wichtig zu sortieren und nicht alles zu verwenden. Und: „Dumme Fragen führen oft zu grandiosen Ergebnissen.“

Inhaltlich sollte sich der Reporter bemühen, Gegensätze und Kontraste darzustellen und zu verdeutlichen, warum diese doch und gerade deshalb zueinander passen. Er sollte Stellung beziehen, abwechslungsreich und überraschend schreiben sowie mit Cliffhangern arbeiten. Tempowechsel würden für noch mehr Spannung sorgen, das Einbauen von zum Beispiel SMS-Texten, Polizeiberichten oder Dialogen lockern den Text auf. Stelzer: „Keine Scheu vor Alltagssprache“. Es gilt: lieber kurze Sätze statt lange. Besser nah herangehen, als nur von Weitem blicken.

Viel Zeit sollte auch der Wahl des Helden gewidmet werden. Protagonisten ohne Konflikte und Zweifel wirkten meistens langweilig. Mühsames Suchen nach dem, was nicht passt, zahle sich aus. Festzulegen, welcher Ton und welche Sprache zu welchem Stück passt, gehöre dagegen zur höheren Schreiberkunst. Der Schluss sollte das Thema abrunden: „Befriedigt zurücklehnen, wie nach einem guten Essen“. Das Ende darf durchaus auch offen bleiben.

 

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.