Wo ist Walter? Die Suche nach dem Protagonisten

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Die Redaktion hat eine Idee für einen Fernsehbeitrag. Die Redaktion hat auch schon einen Protagonisten. Der Kandidat ist telegen, eloquent, sympathisch und ein Betroffener. Diesen Protagonisten gibt es. Vielleicht. Irgendwo. Der Journalist muss ihn nur noch finden. Maja Helmer, freie Fernsehjournalistin bei Autorenwerk, kennt diese Situation. Der Auftraggeber malt gern wild und bunt ein konkretes Fallbeispiel. Und sie muss es dann finden. Diesen Typen. Wo ist Walter. Wie macht sie das?

Der erste Gedanke im digitalen Zeitalter: Einfach mal schlau googeln. Aber einen Protagonisten, der Medikamente missbraucht, findet man kaum mit dem Suchbegriff „Medikamentenmissbrauch“ bei Google Groups. Überhaupt treiben sich nicht alle in Foren rum. Manchmal ist es das Einfachste und Beste, offline zu suchen. Hingehen. Ansprechen. Ganz analog. Pendler findet man am Bahnhof, Eltern im Kindergarten, Verbraucher im Kaufhaus. „Primitiv“, nennt Maja Helmer das.

Egal, wie spannend die Geschichte ist: Wenn es niemanden gibt, der sich als Beispiel vor die Kamera stellt, ist das Thema gestorben. Die Fallsuche dauert oft Wochen – und kostet Freiberufler im Journalismus Zeit und Geld. Maja Helmer weiß, wenn sie schnell und erfolgreich sein will, muss sie sich in ihren Wunschprotagonisten hereinversetzen. Wo hält er sich auf? Im Internet? Bei der Verbraucherzentrale? Diese Frage stellt sich auch, wenn Kleinanzeigen und Handzettel die Suche vorantreiben sollen. Wo sucht der telegene, eloquente Betroffene? Was liest er? Und wann?

Für alles gibt es einen Verband in Deutschland. Wenn doch nicht, mal in den Oeckl schauen oder eben systematisch im Internet recherchieren. Auch auf Twitter, auf Facebook. Und auch im Bekanntenkreis gibt es oft jemanden, der einen kennt, der einen kennt. In jedem Fall gefragt sind Fleiß („Der Autor muss seinen Schreibtisch auch mal verlassen“) und Fingerspitzengefühl („Sie kennen das doch bestimmt auch“, ist da Helmers Satz). Der Protagonist hat oft etwas, das er öffentlich machen will. Aber nicht jeder möchte gleich ins Fernsehen oder sein Foto in der Zeitung sehen.

Deshalb: Manchmal lieber in Ortsgruppen schauen statt in der über alles schwebenden Institution. Vor Ort mit den Menschen sprechen ist besser als Massenmails, bei denen sich niemand richtig angesprochen fühlt. Das persönliche Gespräch hilft, sagt Helmer. Man kann den Protagonisten oder einen Vermittler für seine Sache begeistern. Nein, es gibt keine Gewerkschaft für schlecht bezahlte Regaleinräumer. In einem solch sensiblen Feld helfen Undercover Jobs. Hier ist Mut gefragt. Einsatzbereitschaft. Für eine Geschichte zum Ärztepfusch also schnell mal ein Medizinstudium absolvieren und selbst bewerben? Eher nicht. Hier sind auch Anwälte oft gute Ansprechpartner und Vermittler. In Internetforen wirkt der Beitrag „Fernsehproduktion sucht Betroffene“ oft unsensibel und kommt schlecht an. Und: Im Internet hört der Feind stets mit. Besser: Freundschaftsanfrage senden, direkten Kontakt zu Forennutzern suchen. Hier ist wieder Fingerspitzengefühl gefragt. Salamitaktik. Nicht mit der Tür ins Haus fallen.

Wenn gar nichts hilft, kann man sich auch selbst zum Fall machen. Im Selbstversuch. Einmal was bei der dubiosen Firma bestellen. Dann stellen sich auch nicht die lästigen Fragen, die sich bei jedem Protagonisten stellen: Ist der Kandidat brauchbar? Sagt er überhaupt die Wahrheit? Schließlich ist der Journalist auch für das Gesagte des telegenen, eloquenten Betroffenen verantwortlich.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.