Zwischen „guter Zeitung“ und „Drecksblatt“

Sonntag, 3. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Eigentlich sollte es nicht um die Verleihung des Henri-Nannen-Preises gehen. Es sollte die Frage beantwortet werden, ob die Bild guten oder schlechten Journalismus betreibt. Doch schon schnell zeichnete sich auf der Podiumsdiskussion zum Streit um die Bild ab, dass ein Journalistengespräch über die Bild ohne Bezug auf die Preisverleihung am 11. Mai 2012 unmöglich scheint.

Keine deutsche Zeitung wird so kontrovers diskutiert wie die Bild-Zeitung. Besonders nach der Verleihung des Henri-Nannen-Preises 2012, bei der die Bild-Journalisten Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch in der Kategorie „Investigation“ ausgezeichnet wurden, ist das Boulevard-Blatt in aller Munde. Doch was genau ist denn nun diese Bild-Zeitung? Ein seriöses Medium oder eine Schande für den Qualitätsjournalismus?

Ines Pohl, Chefredakteurin der taz, bezeichnete die Bild als „undemokratisches Drecksblatt“, welches sich der Hetzjagd verschrieben habe und sich fernab von gutem Journalismus bewege. Sie wirkte regelrecht aufgebracht, wenn sie über die Boulevard-Zeitung sprach. „Die Bild verstößt in allen Aspekten gegen meine Vorstellung von journalistischer Arbeit und Ethik“, sagte Pohl. Einen Verbündeten hatte sie in Christian Bommarius von der Berliner Zeitung gefunden. Auch er hielt sich in seiner Wortwahl nicht zurück: „Die Bild ist zu dreckig, um eine gute Zeitung zu sein. Ihr einziges Ziel ist es, die niedersten Instinkte des Publikums anzusprechen.“ Dass Bommarius nicht gut auf die Bild zu sprechen ist, liegt auf der Hand. Der leitende Redakteur der Berliner Zeitung führte und gewann einen Rechtsstreit gegen den Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, der ihn in seinem Blog als „Sexperten“ bezeichnet hatte.

Eine völlig andere Meinung vertrat Christoph Schwennicke, Chefredakteur des Politmagazins Cicero. Er hält die Bild für eine gute Zeitung, da in seinen Augen bei der Bild-Zeitung sehr wohl guter Journalismus statt findet. „Die Recherche zur Finanzierung des Hauses von Bundespräsident Christian Wulff war knallhart und gut“, sagte Schwennicke. Damit nahm er Bezug auf die Bild-Geschichte, die mit dem „Henri“ ausgezeichnet wurde. Eine Geschichte, die seiner Meinung nach zu Recht den Investigations-Preis gewonnen hat.

Ines Pohl kann die Auszeichnung nicht nachvollziehen. „Die Bild hat die ganze Geschichte um Christian Wulff inszeniert, vom Aufstieg bis zum Fall. Man darf den prämierten Text nicht von dieser Inszenierung loslösen“, sagte Pohl. Sie findet es falsch, dass das Modell Bild-Zeitung durch die Verleihung des Henri-Nannen-Preises bestätigt wurde. Ein Modell, das ihrer Ansicht nach nicht zum Journalismus in Deutschland gehört.

Einen skeptischen, aber etwas moderateren Blick auf die Bild hat Anja Reschke, Journalistin und Moderatorin des Fernsehmagazins Panorama. „Die Bild ist nicht für ihr Lebenswerk, sondern für eine einzelne journalistische Leistung ausgezeichnet worden“, argumentierte Reschke. Zudem finde sie den Umgang mit der Bild verlogen. „Ich halte die Bild auch für eine merkwürdige Zeitung, aber es ist auffällig, dass sich jeder Redaktionschef morgens als erstes die Bild schnappt“ Ein Zeichen dafür, dass die Bild ein zentraler Bestandteil der deutschen Medienlandschaft ist und ihr Inhalt eine große Tragweite besitzt.

Weit über eine Stunde dauerte die teilweise hitzige Diskussion über die Bild, an deren Ende noch immer nicht klar war, ob sie für guten oder schlechten Journalismus steht. Allerdings überwog die Ansicht, dass bei der Bild auf ethische Grundsätze weniger Rücksicht genommen wird als bei anderen Medien in Deutschland. Einigkeit herrschte bei der Feststellung, dass die Bild ein Teil der deutschen Medienlandschaft ist. Ob sie nur als „Dreck dazugehört, wie Klos zu einer Wohnung“ (Christian Bommerius) oder den „Bösewicht in einem Märchen“ (Anja Reschke) darstellt, wird wohl noch lange diskutiert werden. Doch bei aller Kritik sollte man laut Christoph Schwennicke beachten, dass „die Welt nicht untergeht, nur weil es die Bild gibt.“

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.